Leseprobe

Heinrich Brockhaus
Tagebücher 1829-1868
Frankreich – Andorra – Baskenland
384 Seiten
19,80 EUR
ISBN 978-3-938498-32-3

Paris, September/Oktober 1861
Ich bin zu sehr verschiedenen Zeiten in Paris gewesen, und jedes Mal ist es mir als eine höchst interessante Stadt erschienen. Ich hatte es einigermaßen begriffen, was Enthusiasten von Paris behaupten: daß ein ordentlicher Mensch eigentlich nur in Paris leben könne, obwol ich dann freilich immer noch einige Orte, wie Rom, Venedig, München, Dresden hinzufügte. Als recht schöne Stadt ist mir aber Paris erst bei meiner jetzigen Anwesenheit erschienen, und gewissermaßen ist es auch so erst geworden, seit Napoleon nach dem Staatsstreich vom 2. December die Umgestaltungen hat beginnen lassen, welche Paris zu einem ganz andern Ort, als es früher war, gemacht haben und machen werden. Ich gehöre wahrlich nicht zu denen, welche sich von Napoleon haben imponiren lassen, ich hasse ihn gründlich, bewundere auch nicht seine politische Weisheit, und finde, daß er nur deshalb groß erscheint, weil die meisten andern Fürsten so unglaublich klein sind; auch will ich nicht behaupten, daß viel nationalökonomische Weisheit in den kolossalen Ausgaben sich zeigt, welche infolge der Umgestaltungen des alten Paris gemacht werden: aber man kann sich der Bewunderung der großen Energie, der starren Consequenz, die der Kaiser hierbei zeigt, nicht entziehen. Ich hatte ja viel von den neuen Bauten gehört, war aber doch überrascht, so vieles in wohlgelungener Weise ausgeführt zu finden. Manche Theile von Paris erkennt man gar nicht wieder. Wo man sich früher durch enge, winkelige, schmuzige Straßen winden mußte, da gibt es jetzt prächtige, schöne, breite und gewiß auch gesunde Boulevards. Schöne alte Gebäude sind freigelegt worden, und es gewährt wirklich eine große Lust, in diesen neuen zum Theil ganz fertigen, zum Theil der Vollendung rasch entgegengehenden neuen Straßen zu wandeln oder zu fahren. Besonders wohlthuend wirkt die Vereinigung des Louvre mit den Tuilerien, mit der frühere Herrscher in Frankreich nicht zu Stande kommen konnten.
Eine ziemlich bedeutende Anzahl Francs wurde nicht gescheut, um in dem neuen Paris und seinen Umgebungen recht umherzufahren, wozu auch das warme wundervolle Wetter, das mir während meines ganzen Aufenthalts treu geblieben ist, sehr einlud. Es war wahrlich ein Vergnügen, so im leichten offenen Wagen dahinzufliegen über die Boulevards, die Champs-Elysées, das neu angelegte Bois de Boulogne und einige andere parkartige Anlagen in der Nähe von Paris.
Ich habe Paris viel reinlicher, eleganter, geputzter gefunden als früher, und dabei hat es keinen der Reize, die es früher auszeichneten, verloren. Die Pracht der Läden ist über jeden Ausdruck, und wer für so etwa Sinn und ein gutes Auge hat, der kann einige Tage oder Wochen allein mit dem Beschauen des zur Schau Gelegten zubringen, und wird sich dabei vortrefflich unterhalten, freilich aber wird er auch in Entsagung und Resignation geübt. Ich habe mich nur mit dem allgemeinsten Eindruck begnügt, den die ausgelegten Waaren machten, meist aber Gelegenheit gehabt, den feinen Geschmack, der sich dabei zeigt, zu bewundern.

… hatte ich lange den Wunsch, den von mir so hoch verehrten Meister Rossini kennen zu lernen, und es gelang diesmal. Da ich nicht annahm, daß der italienische Musiker etwas von dem deutschen Buchhändler wissen werde, so hatte ich Moscheles und Hiller um Briefe gebeten, und Rudolf begleitete mich zu Rossini. Wir wurden aufs freundlichste von dem alten Herrn aufgenommen, der in Passy eine schöne Villa bewohnt, dicht an einer Eisenbahnstation gelegen, was etwas Komisches dadurch hat, daß Rossini der entschiedenste Gegner des Eisenbahnfahrens ist. Er ist noch recht rüstig, geistig ganz frisch, und wir haben eine interessante belebte Unterhaltung miteinander gehabt. Er erzählte von seinem ersten Auftreten in Italien, dem geringen äußern Erfolg, den er bei seinen beliebtesten Opern gehabt hat; er gestand, daß sie etwas sehr leicht und flüchtig seien, und daß er erst im Tell eine höhere dramatische Wirkung erstrebt und erreicht habe. Rossini’s Verehrung für die großen deutschen Musiker, Haydn, Mozart und Beethoven, ist groß, und man muß ihn in dieser Verehrung liebgewinnen. In seinem Musiksalon sind Darstellungen aus dem Leben großer deutscher und italienischer Tonkünstler. Man legt Rossini viele Witzworte in den Mund; er war nur damit nicht einverstanden, daß man ihn dadurch als sarkastisch und scharf hinstelle, was nicht in seiner Natur liege. Zu einer Einladung kam es nicht, weil ich eben nur kurze Zeit in Paris blieb; er erzählte uns aber von seiner culinarischen Meisterschaft, und wie er Maccaroni vortrefflich zu bereiten verstehe.

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