Leseprobe

Heinrich Brockhaus
Tagebücher 1829-1868
Frankreich – Andorra – Baskenland
384 Seiten
19,80 EUR
ISBN 978-3-938498-32-3

Paris, 1842

Ich habe heute [Guizot] einen Besuch gemacht, den machen zu dürfen manchem vielleicht sehr interessant und angenehm gewesen sein würde, der für mich aber in seiner Veranlassung und seinen Folgen wirklich viel Unangenehmes mit sich führt. Schon seit längerer Zeit hatte Avenarius darauf hingewiesen, dass Reclamationen von den französischen Gesandtschaften in Deutschland über unsere Zeitung eingelaufen seien; der Minister Guizot sei sehr erzürnt auf uns und ernstlich davon die Rede gewesen, inwiefern wir diesen Ton der Feindseligkeit gegen die Regierung und selbst die königliche Familie nicht änderten, uns mit unserm Geschäft aus Frankreich zu vertreiben usw. Ich glaubte immer, dass viel Uebertreibung in der Sache sei, indeß musste ich mit Avenarius über die Sache sprechen. Er stellte es als höchst wünschenswerth dar, dass ich mich selbst gegen den Minister Guizot aussprechen möge, und demgemäß wurde ich ihm heute Mittag in seinem Cabinet im Ministerium vorgestellt. Er bestätigte die Klagen, die besonders durch den französischen Gesandten in Dresden gemacht worden, und erwähnte, dass selbst der König Louis Philippe sich über die Zeitung beschwert habe; er wünsche, dass die Ansichten des Gouvernements ihre Vertretung in dem Blatte fänden; unsere jetzige Correspondenz, deren Verfasser er kenne, und ihre Tendenzen seien nicht gut. Uebrigens hat Guizot den bon-sens gehabt, nichts von einer Drohung in meiner Gegenwart zu äußern, und ich glaube auch nicht, dass es jemals so ernst damit gemeint gewesen ist. Ich ließ natürlich Guizot mehr reden, als dass ich selbst sprach, hielt mich in meinen Aeußerungen möglichst allgemein. Als ich Se. Excellenz bat, an unsere bonne foi und bonne volonté, ihn zu befriedigen und den Grunde der Klagen zu heben, zu glauben, meint er nach echt französischer Weise, die stets geradezu auf den Zweck losgeht, das sei ein gutes Bekenntnis für Gott, aber er müsse wünschen, dass die bonne volonté sich durch die That zeige. In seiner Erscheinung und in seinen Aeußerungen hat mir Guizot besser gefallen, als da ich ihn vor zwei Jahren in der Soirée sah und er sich in der Uniform spreizte; aber von der Weise, wie in Beziehung auf die Angelegenheiten der Presse verfahren wird, bin ich doch auch nicht eben erbaut, und etwas Großes, Staatsmännisches kann ich überhaupt in dem ganzen Guizot nicht erblicken, wie ehrenhaft er im Grunde auch sein mag.

Paris, 1861

Gegen Rudolf bezeichnete ich das Programm für meinen Aufenthalt in Paris dahin, daß ich möglichst wenig Besuche machen, möglichst viel Zeit auf die Kunstsachen des Louvre verwenden wolle, im übrigen das neue Paris möglichst gut kennen zu lernen und mich eifrig dem Theater zu widmen wünsche; Austern und Weintrauben sollten dabei nicht vergessen werden. Diesem Programm habe ich denn treulich nachgelebt.
Ich bin zu sehr verschiedenen Zeiten in Paris gewesen, und jedes Mal ist es mir als eine höchst interessante Stadt erschienen. Ich hatte es einigermaßen begriffen, was Enthusiasten von Paris behaupten: daß ein ordentlicher Mensch eigentlich nur in Paris leben könne, obwol ich dann freilich immer noch einige Orte, wie Rom, Venedig, München, Dresden hinzufügte. Als recht schöne Stadt ist mir aber Paris erst bei meiner jetzigen Anwesenheit erschienen, und gewissermaßen ist es auch so erst geworden, seit Napoleon nach dem Staatsstreich vom 2. December die Umgestaltungen hat beginnen lassen, welche Paris zu einem ganz andern Ort, als es früher war, gemacht haben und machen werden. Ich gehöre wahrlich nicht zu denen, welche sich von Napoleon haben imponiren lassen, ich hasse ihn gründlich, bewundere auch nicht seine politische Weisheit, und finde, daß er nur deshalb groß erscheint, weil die meisten andern Fürsten so unglaublich klein sind; auch will ich nicht behaupten, daß viel nationalökonomische Weisheit in den kolossalen Ausgaben sich zeigt, welche infolge der Umgestaltungen des alten Paris gemacht werden: aber man kann sich der Bewunderung der großen Energie, der starren Consequenz, die der Kaiser hierbei zeigt, nicht entziehen. Ich hatte ja viel von den neuen Bauten gehört, war aber doch überrascht, so vieles in wohlgelungener Weise ausgeführt zu finden. Manche Theile von Paris erkannt man gar nicht wieder. Wo man sich früher durch enge, winkelige, schmuzige Straßen winden mußte, da gibt es jetzt prächtige, schöne, breite und gewiß auch gesunde Boulevards. Schöne alte Gebäude sind freigelegt worden, und es gewährt wirklich eine große Lust, in diesen neuen zum Theil ganz fertigen, zum Theil der Vollendung rasch entgegengehenden neuen Straßen zu wandeln oder zu fahren. Besonders wohlthuend wirkt die Vereinigung des Louvre mit den Tuilerien, mit der frühere Herrscher in Frankreich nicht zu Stande kommen konnten.
[…]
Als eigentlichen Hauptzweck für meinen Aufenthalt in Paris betrachtete ich den Genuß der Kunstsammlungen, und wenn ich anführe, daß ich von den vierzehn Tagen, die ich in Paris zubrachte, zwei Morgen den Kupferstichen, einen den Medaillen und geschnittenen Steinen, einen dem Hôtel-de-Cluny, wo höchst anziehende Sachen aus dem spätern Mittelalter und der Zeit der Renaissance vereinigt sind, einen dem Luxembourg, und etwa sieben dem Louvre gewidmet habe, wird man mir das Zeugniß des gewissenhaften Fleißes nicht versagen wollen. Es läge aber auch ein unverantwortliches Unrecht darin, wenn es die Zeit nur einigermaßen gestattet, an den reichen Kunstschätzen, die Paris bietet, gar zu flüchtig vorüberzugehen. Meine Augen und Sinne reichen wol für drei bis vier Stunden an einem Tage aus, und die habe ich denn auch aufgewendet. Mit guten Katalogen in der Hand, und einigermaßen in der Kunstgeschichte orientirt, kann man so auch bei einem kürzern Aufenthalt recht ersprießliche Studien machen, und ich darf sagen, daß ich in Paris diesmal etwas gelernt habe.
Ich hatte mich, eben der Nähe des Louvre wegen, in dem großartigen Hôtel-du-Louvre einquartiert, wo ich für 6 Frs. täglich und 1½ Frs. für Bedienung ein sehr gu-tes Zimmer au premier hatte, freilich ohne Aussicht, die ich nicht gebrauchte. Es ist ein prachtvolles Hotel, musterhaft verwaltet. In demselben sind etwa 500 Zimmer, man hat einen Salon für Zeitungslektüre, ein Kaffeehaus, Equipagen stehen stets in einem der Höfe, kurz, man befindet sich hier sehr wohl und ist in keiner Weise genirt. Nachdem ich nun zeitig, und oft noch im Bett, mich mit der Erfüllung eines Punktes meines pariser Programms beschäftigt hatte, dem Verzehren einer möglichst bedeutenden Anzahl der herrlichsten Trauben, Chasselas de Fontainebleau, Pfirsichen, Feigen usw., die mir Rudolf täglich einkaufte, verwendete ich erst die nöthige Zeit auf das Fortführen meines Tagebuchs und die sonst nöthige Correspondenz. Meist holte mich nun Rudolf ab, dem man bei Hachette etwas Freiheit gegeben hatte, und ich nahm dann in einem der vielen guten Kaffeehäuser ein Frühstück ein, meist aus Chocolade, Butter und Brot bestehend. Darauf also fleißig in den Sammlungen so lange, bis die Kräfte ausreichten oder der weitere Plan für den Tag gestattete. Das Spazierenfahren bis zum Essen war eine wahre Erholung, und das Diner schmeckte vortrefflich. Wenn man so im Scherz sagt, daß man nur in Paris ordentliche Cafés und Restaurants habe, und nur hier zu essen, zu trinken und zu serviren verstehe, so ist nicht gerade viel Uebertreibung dabei. Meist aßen wir à prix fixe zu 3 bis 5 Frs., wo man der Qual des Selbstwählens überhoben ist. Zu dem, was für diesen Preis sehr gut und reichlich servirt wurde, gesellte sich dann für jeden von uns ein Dutzend Austern, die eigentlich nirgends besser als in Paris sind, indem auf die Beschaffung derselben in vorzüglicher Qualität die größte Sorgfalt gewendet wird. Einigemal haben wir mit Bekannten zusammengesessen, und ich habe dabei den Wirth machen müssen. Nach dem Essen alsdann, wenn es irgend anging, ins Theater.
[…]
Die Besuche hatte ich mir vorgenommen auf das äußerste zu beschränken, weil wirklich bei einem kürzern Aufenthalt nichts dabei herauskommt. Aber je gleichgülti-ger ich überhaupt geworden bin gegen Berühmtheiten, wie sie in der Zeit auftauchen und wieder verschwinden, so hat es fortwährend großes Interesse für mich, wirklich bedeutenden Genien in irgendeiner Weise näher getreten zu sein. In dieser Hinsicht hatte ich lange den Wunsch, den von mir so hoch verehrten Meister Rossini kennen zu lernen, und es gelang diesmal. Da ich nicht annahm, daß der italienische Musiker etwas von dem deutschen Buchhändler wissen werde, so hatte ich Moscheles und Hiller um Briefe gebeten, und Rudolf begleitete mich zu Rossini. Wir wurden aufs freundlichste von dem alten Herrn aufgenommen, der in Passy eine schöne Villa bewohnt, dicht an einer Eisenbahnstation gelegen, was etwas Komisches dadurch hat, daß Rossini der entschiedenste Gegner des Eisenbahnfahrens ist. Er ist noch recht rüstig, geistig ganz frisch, und wir haben eine interessante belebte Unterhaltung miteinander gehabt. Er erzählte von seinem ersten Auftreten in Italien, dem geringen äußern Erfolg, den er bei seinen beliebtesten Opern gehabt hat; er gestand, daß sie etwas sehr leicht und flüchtig gearbeitet seien, und daß er erst im Tell eine höhere dramatische Wirkung erstrebt und erreicht habe. Rossini’s Verehrung für die großen deutschen Musiker, Haydn, Mozart und Beethoven, ist groß, und man muß ihn in dieser Verehrung liebgewinnen. In seinem Musiksalon sind Darstellungen aus dem Leben großer deutscher und italienischer Tonkünstler. Man legt Rossini viele Witzworte in den Mund; er war nur damit nicht einverstanden, daß man ihn dadurch als sarkastisch und scharf hinstelle, was nicht in seiner Natur liege. Zu einer Einladung kam es nicht, weil ich eben nur kurze Zeit in Paris blieb; er erzählte uns aber von seiner culinarischen Meisterschaft, und wie er Maccaroni vortrefflich zu bereiten verstehe.

Paris, 18. October 1867

Wieder fleißig in der Ausstellung gearbeitet; zwar reichten die Kräfte für vier Stunden aus, waren dann aber auch völlig erschöpft. Jeden Augenblick sieht man etwas Interessantes, das zu einem gründlichern Eingehen auffordert; da es aber völlig unmöglich ist, diesem Drange zu folgen, so muß man sich eben mit einem allgemeinen Ueberblick genügen lassen und kann froh sein, wenn man nach dieser Richtung wenigstens relativ etwas erreicht. Ich blieb in der Ellipse, die ich gestern angefangen hatte, und brachte sie glücklich zu Ende. Nebenbei findet sich dann noch immer dies und jenes. Ganz eigen ist einem dann aber zu Muthe, wenn man gleich neben den Erzeugnissen der Kunst und Industrie, dies alles in der höchsten Potenz genommen, Gegenstände sieht, eben auch mit Aufgebot aller Wissenschaft und Praxis hergestellt, die bestimmt sind, alles das wieder zu vernichten, was Kunst und Industrie aufbauten.
Ich kam heute zu dem berühmten, so vielbesprochenen Mörser von Gußstahl von Krupp in Essen. Es ist ja in seiner Weise etwas ganz Außerordentliches. Krupp erwirbt durch seine Kriegswaffen viel Geld, Titel, Orden, Auszeichnungen aller Art, aber ich möchte seinen Ruhm nicht theilen! Mich würde es geradezu unglücklich machen, mich mit so etwas beschäftigen zu müssen, oder etwa mit allerhand Tand, der sich auf Moden und dergleichen bezieht, und ich bin ganz glücklich, daß ich mich in meiner geschäftlich-praktischen Tätigkeit mein ganzes Leben lang mit höhern geistigen und artistischen Zwecken zu beschäftigen hatte. Wenn man aber so in der Ausstellung überblickt, bis zu welchem Grade die Industrie entwickelt ist, so möchte man meinen, es sei fortan ein Krieg unmöglich; wenigstens würde bei den gesteigerten, ja auf die Spitze gestellten Verhältnissen ein längerer Krieg unsägliches Elend über die Welt bringen. Es ist wirklich in dieser Beziehung jetzt alles anders als vor 30-50 Jahren.

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