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Geboren wurde Ewald Gerhard Seeliger
am
11. Oktober 1877 in Rathau bei Brieg (Schlesien).

Seeligers Geburtshaus in Rathau
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Als
ein nach jeder Richtung hin vorbildlich friedseliger Dorfmagister und Silbenmagier
hatte mein Vater nicht weniger denn drei Steckenpferde: Goethes Werke, Mozarts
Musik und die liebe Bienenzucht. Und so konnte mir denn das annähernd
märchenhafte Glück zuteil werden, zwischen drei vollen Bücherschränken,
einem Klavier und einer Violine, wie neben einer von zwölf Weinstöcken
umrankten Dorfschulstube, allerhand Obstbäumen, Beerensträuchern
und Bienenvölkern mit meinen drei Geschwistern, Hertha, Paul und Käthe,
ungestört und wohlbehütet aufzuwachsen. |
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Nach dem Besuch der Bürgerschule 1894
bis 1897 absolviert Seeliger eine Ausbildung am Volksschullehrerseminar in
Steinau an der Oder.
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In diesen drei Jahren war meine Aufmerksamkeit
auf die Seminarlehrerbibliothek gerichtet, die weit besser war als ihr Ruf.
Alle konfliktlichen Gefahren, einschließlich aller sonstigen Abenteuer,
wußte ich zu umschiffen, und die Ferien führten mich stets nach
Rathau zurück, wobei ich nicht selten, da mein Taschengeld durchaus nicht
knapp bemessen war, einige Tage in Breslau zubrachte. |
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Nach 1897 arbeitet Seeliger als Junglehrer
an verschiedenen mittelschlesischen Volksschulen. |
... und zwar in Nechlau, Kreis Guhrau,
in Cammerau, Kreis Groß-Wartenberg, in Karoschke Kreis Trebnitz und in
Strebitzko Kreis Militsch, wo ich dann als Zweiter Lehrer mit einem Monatsgehalt
von sechsundsechzig Mark und genau so vielen Pfennigen nebst freier Wohnung
plus euerung provisorisch angestellt wurde. Große Sprünge ließen
sich da nicht machen, obschon der Vater auch weiterhin bei der löblichen
Praxis blieb, mir bedingungslos immer ein paar Talerstücke zuzustecken.
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1899 erhält Seeliger eine Anstellung an
der Deutschen Schule in Genua. |
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Drei Wochen genügten
mir, um mich davon zu überzeugen, daß ich in dieser von mittelmeerischen
Seeräuberabkömmlingen beiderlei Geschlechts reichlich durchwimmelten
Großhafenstadt nicht alt werden würde. Und mein Zimmernachbar Friedrich
Weitzberg, der wenige Tage nach mir in Genua eingetroffene, aus den ostpreußischen
Masuren stammende Ordinarius der Mittelklasse, glaubte schon das Herannahen
einer mißbrünstlichen Katastrophe wittern zu müssen und begann
nun ebenfalls mit einer baldigen Luftveränderung zu liebäugeln. |
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1900 übernimmt Seeliger eine Lehrerstelle
in Hamburg. |
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Nun wurde, nach Ferienende, auch der
Unterricht in der an der nahen Koppel gelegenen Mädchenvolksschule, deren
Lehrkörper ich inzwischen zugeteilt worden war, wieder aufgenommen und
brachte mich mit dem hansischen Freimut in so enge Fühlung, daß
mir rasch diese Erkenntnis wie eine Erleuchtung aufging: Ich habe bei dieser
Gelegenheit das gemeine Volk näher kennengelernt und bin aber und abermals
vergewissert worden, daß dies doch die besten Menschen sind.
Nebenbei half ich Justus Fischer bei den Redaktionsarbeiten der Pädagogischen
Reform und gelangte auch bald in Verbindung mit den
verschiedenen Tageszeitungen, nicht nur mit den Hamburger Nachrichten, dem
Sprachrohr des vor zwei Jahren verstorbenen Fürsten Bismarck, sondern
auch mit dem Hamburgischen Correspondenten, dem Hamburger Fremdenblatt, dem
General-Anzeiger und dem sozialdemokratischen Hamburger Echo. |
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1901 heiratet Seeliger Rosalie Sara Kohn, Tochter
eines jüdischen Kaufmanns in Hamburg. |
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"Einen passenderen Schatz hättest
du gar nicht finden können!", tuschelte mir die Mutter unter vier
Augen zu, und der Vater zitierte daraufhin stillvergnügt vor sich hin:
"Willst du dir ein Mädchen kaufen, so geh und gib dich selbst dafür!" |
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1902 Geburt des "Eingeborenen Sohnes",
wie ihn Seeliger stets nennt. |
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Innerhalb Jahresfrist wurden wir Eltern
des Eingeborenen Sohnes, dessen Mutter sich nun zu einer musterhaften, geradezu
ruthischen Hausfrau, Dichtersgattin, Mitarbeiterin und Dolmetscherin zu entwickeln
begann, denn sie beherrschte nicht weniger denn vier lebendige Umgangssprachen,
nämlich Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Außerdem
war sie nicht nur eine perfekte Köchin, sondern auch eine exzellente Pianistin. |
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Mit schriftstellerischen Tätigkeiten wird
Seeliger nun immer erfolgreicher. |
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Während des Jahres 1905 hatte ich
als Schriftsteller schon viermal soviel verdient als mein Lehrergehalt betrug.
Und im Frühjahr 1906 wurde mir sogar vom Hamburger Senat für mein
mit Hamburg betiteltes Balladenbuch die große, Portugalöser benamste
Goldmedaille verliehen. |
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1907 legt Seeliger sein Lehramt nieder, widmet
jetzt, mit großem Erfolg, vollständig dem Schreiben. 1913 erscheint
im Ullstein-Verlag der Erfolgsroman "Peter Voß, der Millionendieb".
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Nun befindest du dich, behauptete
der Vater, bereits in der Gefahr, das Opfer deiner eigenen Erfolge zu
werden. Darum laß dich warnen vor der goldenen Kette, mit der jedwede
Leserschaft den von ihr zum Lieblingsautor erkorenen Dichter in Fesseln zu
schlagen trachtet! |
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Mit seinem Freund Richard Dehmel verabredet
er die gemeinsame Arbeit an einem "Handbuch des Schwindels" |
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Sodann einigten wir uns dahin, diese
unsere Gemeinschaftsarbeit bis zur völligen Entwölkung des europäischen
Zukunftshimmels zu vertagen, zumal der Erste Balkankrieg bereits mit dem Zweiten
hochschwanger ging, und das Wettrüsten der Großmächte immer
bedrohlichere Formen annahm. |
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Im März 1914 reist Seeliger nach München. |
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Meine nächste Reise führte
mich, im März 1914, zuerst nach München. Hier in diesem mit Löwenbildnissen
und Antiksäulen reichlich ausgestatteten Zion von Weißblaurautistan
wurde ich schon am Bahnhof von Georg Müller auf den Haken genommen und
ins Hotel Schottenhamel gelotst, wo wir auf den in Stockholm zur Welt gekommenen,
aber schon völlig eingedeutschten Urheber Adolf Paul stießen, mit
dem wir dann zum Nockherberg hinauswallten, wo der Salvatorrummel schon im
besten Gange war. Unablässig sprudelten die Messingzapfhähne das
trunkenboldinische Naß in die tönernen Kruggemäße. |
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1915 wird Seeliger zur Marine-Flieger-Abteilung
nach Wilhelmshafen einberufen.

Seeliger als Matrose in Wilhelmshafen |
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Nach Ablegung der vorschriftsgemäßen
Prüfung wurden wir sieben Marinetintatoren zur Zweiten Werftdivision versetzt,
zu Unteroffizieren befördert und auf die verschiedenen die Nordseeküste
sichernden Flugstationen verteilt.
Sie haben die Mannschaften bei guter Laune zu erhalten!, befahl
der unterdessen zum Range eines Fregattenkapitäns beförderte Kommandör
der Zweiten Seeflieger-Abteilung uns sieben Verwaltungsschreibern, als wir
uns zum Abtransport bei ihm meldeten.
Mein Marschbefehl lautete auf Norderney.
Vor dem Abflug, der durch die schlechte Wetterlage etwas verzögert
wurde, nahm ich mit dem Stabszahlmeister der Zweiten Werftdivision
Fühlung und gab ihm schicksalsfadlich zu verstehen, daß ich durchaus
nichts dagegen einzuwenden hätte, bei passender Gelegenheit nach Hamburg
abkommandiert zu werden.
Sobald es sich im dienstlichen Interesse bewerkstelligen
läßt!, versprach er mir in Berücksichtigung meiner direkten
Beziehungen zum Reichsmarineamt, über die er von Brehmer vertraulich orientiert
worden war.
Der Terminus dienstliches Interesse war die magische
Formel, die dieses vom welteidgenössischen Standpunkt aus vollkommen überflüssige
Neptuniotikum der deutschen Wasserkante in dralligem Schwung hielt. |
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Seeliger lernt während seiner Militärzeit
Hans Bötticher (Joachim Ringelnatz) kennen. |
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Es war ein regnerischer Sonntagnachmittag,
an dem sich dieser obersächsische Salzwasserdemiurg noch einigermaßen
nüchtern vorkommen durfte, als er mich mit der folgenden Gewissensfrage
zu torpedieren versuchte: Reicht mein Talent aus, um mich nach diesem
Schietkrieg als freier Schriftsteller durchschlagen zu können?
Dabei übergab er mir einige Zeitschriftennummern, in denen verschiedene
von seiner Hand stammende Beiträge veröffentlicht waren, und ich
versprach ihm, mich gründlich damit zu efassen.
Worauf er aus seiner Mappe eine leereRumflasche holte, sie mitten auf den Tisch
stellte und mich herausfordernd anpeilte.
Ich bestellte sofort eine volle Flasche und begann ihn dann ein wenig auszufragen. |
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Am Ende des Weltkriegs kehrt Seeliger nach
Hamburg zurück und setzt seine schriftstellerische Tätigkeit fort. |
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Fridericus Ebert bestieg den spree-,
Kurt Eisner den isarathenischen Thron, und Emil Krause, der zum Hamburger Schul-
und Kunstsenator in Aussicht genommen worden war, versicherte mir: Wir
werden es schon schaffen!
Was denn?, erkundigte ich mich. Wenn nicht die Welteidgenossenschaft!
Proletarier aller Länder, vereinigt euch!, karlmarxte er begeistert.
Das ist die einzige Parole, die zur Welteidgenossenschaft führt!
Wir Sozialdemokraten werden die Menschheit von allen Tyrannen befreien! Und
zwar in Weimar! Zu Goethes Füßen!
Worauf ich mich beeilte, ihm zu diesen löblichen Absichten alles nur erdenkliche
Glück zu wünschen.
Und was wird aus dem roten Faden in der Hemdtroddel?, fragte meine
Frau, und der Eingebohrene Sohn fuhr fort: Warum ist er rot und nicht
grün? Wo doch Grün die Farbe der Hoffnung ist!
Nur nichts überstürzen! winkte ich ab, übergab meine
Marinemontur der Mottenk ste, setzte mich an meine Schreibmaschine und begann,
da Dehmel noch bienenfleißig an seinem Kriegstagebuch herumdokterte,
mit der Niederschrift meines zweiten, Schlörks tolle Liebesfahrt betitelten
Barockromans. |
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1920 Umzug in den bayerischen Bergort Walchensee,
wo Seeliger ein Haus erworben hatte.

Haus Avalun in Walchensee |
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Die Glückwünsche und die Besuchsankündigungen
liefen so zahlreich ein, daß der Silbenvulkanzirkus am Walchensee bereits
im Frühjahr 1921 eröffnet werden konnte. Die musikalische Leitung
übernahm meine Frau, und die kulinarische wurde der im nahen Wallgau zur
Welt gekommenen, von dem sagenhaft berühmten Wildschützen Jennerwein
abstammenden Kuchelhexe Kreszentia anvertraut.
Die erste Nummer des Eröffnungsprogramms fiel keinem anderen zu als dem
damals siebenundfünfzigjährigen Ordinarius der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität,
Dr. med. et rer. pol. Franz Oppenheimer, der sich gerade auf dem Wege nach
Innsbruck befand, um dort dem Europäischen Soziologen-Kongreß über
seine in Zionististan gesammelten Erfahrungen zu berichten. Anfang Juli holte
ich ihn in Kochel ab. Er kam von Bichl, wo er Thesing besucht hatte. Es war
wirklich nicht leicht, in diesem kontramarxistischen, durch einen athletischen
Körperbau und mehrere Mensursäbelnarben ausgezeichneten Zeitgenossen
den ältesten Sprößling eines Berliner Reformrabbiners zu vermuten.
Als wir uns dem Vulkanium Avalun näherten,
tönte uns die Träumerei von Robert Schumann entgegen. Sodann gab
es Tyrannosaurussuppe, Walchenseerenken, Filetsteak à la Mephistopheles
und Walderdbeeren mit Ziegenmilchrahm. |
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Nach Richard Dehmels Tod gründet Seeliger
mit einigen Freunden den "Weltbücherverlag" und startet mit
der Veröffentlichung des "Handbuch des Schwindels" sein erstes
Hominidissimus-Experiment.
Die Provokation hat Erfolg: Das "Handbuch des Schwindels" wird verboten,
Seeliger strafrechtlich verfolgt und soll durch eine Verfügung (unterschrieben
von den Amtsrichtern Gold, Kalb und Moses) zur Überprüfung seiner
geistigen Verfassung in die psychatrische Klinik Haar bei München eingewiesen
werden.

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"Gold Kalb Moses?,
rief meine Frau. Was sind denn das für komische Unterschriften?"
"Das Goldene Kalb Moses", hexaktete ich, muß nun hier
in Weißblaurauschistan, unter meiner Regie, die Löwenrolle spielen."
"Und du", lachte sie hellauf, "sollst nach Haar gebracht und
dort beobachtet werden?"
"Ich soll", nickte ich schmunzelnd, "hingebracht werden wie
ein Wickelkind oder wie ein vergessener Regenschirm. Und das schickt sich doch
nicht für einen Hururenkel Goethes! Deswegen werde ich nach Haar gehen!"
"Das sieht dir auch ganz ähnlich!", stimmte sie zu und setzte
sich wieder an die Schreibmaschine, um diesen kleinen Blitzdialog festzuhalten.
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Mitte Januar bis Ende Februar verbringt Seeliger
in der psychatrischen Klinik Haar. Hierüber hat sich ein ausführliches
Aufenthaltsprotoll mit Gutachten des Anstaltsarztres erhalten, das in der beim
filos-Verlag erschienenen Autobiographie Seeligers veröffentlicht ist.
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Am nächsten Morgen schickte ich
einen Durchschlag dieses Kapitels an Franz Oppenheimer und einen zweiten an
Fritz Mauthner mit der Bitte, mir bei Gelegenheit einen kleinen Beitrag zum
Abschluß dieser paragraphistischen Gloritat zukommen zu lassen. Worauf
ich mit dem Entwerfen der folgenden, in der Heil- und Pflegeanstalt Haar zu
startenden Kapitel begann.
Acht Tage vor Weihnachten lud ich, um mich über die in dieser Klappskommode
herrschenden Verhältnisse und Gebräuche noch genauer zu informieren,
den Oberpfleger Alois Hintergruber nach Walchensee ein. Er konnte aber erst
am 16. Januar 1923 erscheinen und blieb vierundzwanzig Stunden bei uns, sodaß
wir reichlich Zeit hatten, die kommenden Darstellungsdinge gemeinsam zu beschwören.
Also übermorgen um elf!, bestätigte er unsere Verabredungen,
als ich ihn zum Postomnibus brachte. Eher werde ich nicht abgelöst.
Eventuell mußt du eben ein paar Minuten warten. Unterdessen kannst du
ja einmal unseren Zerberus interviewen. Er heißt Lukas Broy und hat das
Pech, in Alt- Ötting das Licht der Welt erblickt zu haben. In den vier
Kriegsjahren hat er es nicht einmal bis zum Gefreiten bringen können.
Und dabei bildet er sich ein, das Gras wachsen zu hören. Und dann schmuggle
ich dich ins Empfangsgebäude zu dem Saupreußen Dr. Schmittmann.
Das ist der jüngste von unsern Psychiatern. Und dem haben sie die Aufnahmeabteilung
aufgehalst. Im Kriege war er Assistenzarzt beim Marinekorps in Flandern. Auch
schon plemplem!
Gleich darauf entschwand Alois Hintergruber mit meinem Handkoffer, in dem auch
meine Reiseschreibmaschine steckte, auf Urfeld zu.
Vierundzwanzig Stunden später traf
ich, weil ich bis dahin nicht abgeholt worden war, um gebracht werden zu können,
in München ein, und am folgenden Morgen stieg ich in Haar aus, um auch
die nächsten Kapitel in hexenmeisterlichen Schwung zu bringen. |
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Nachdem Seeliger aus der Heil- und Pflegeanstalt
entlassen und außer Verfolgung gesetzt wird, setzt er seine
Publikationsaktivitäten fort.
Da die Partnerschaft im Buchgewerbehaus München und mit dem Verlag für
Kulturpolitik ihr Ende gefunden hat, sucht er neue Verlage für seine unentwegt
entstehenden Bücher und Schriften. Der Roman "Die Entjungferung der
Welt" erscheint 1922 im Wiener Gloriette-Verlag. In Leipzig gründet
Seeliger das Unternehmen Der Richtige Verlag Leipzig. Hier kann
er das provokative Buch "Das Weltgewissen"
veröffentlichen. |
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Aus dem Aufenthatltsprotokoll in Haar:
Wie das Lamm aufzufassen
ist, geht klar hervor aus einem Kapitel des in Erscheinung begriffenen Romans
Die Entjungferung der Welt, das überschrieben ist: Das
Lamm und der Leu. Es wird erzählt, wie ein Zeitungsschreiber Herakles
das Lamm in seiner Wohnung aufsucht und es fragt: Warum nennst du dich
das Lamm? Ich bin das Lamm aus der Offenbarung des Johannis,
von dem geschrieben steht, dass es die sieben Siegel des verschlossenen Buches
lösen wird. Dieses Lamm ist aber nur eine dichterische
Figur, gab Herakles zu bedenken. Jede dichterische Figur ist ein
erdachtes Lebewesen, klärte ihn das Lamm auf. Ist es nur richtig
erdacht, kann es auch erlebt und gelebt, also dargestellt werden. Ich
stelle es dar, ich spiele, ich lebe es, und darum bin ich es. Wiederholt
äusserte Seeliger in Unterredungen, dass er nur die Rolle des Lammes spiele.
So sagte er: Wenn ich für unzurechnungsfähig er klärt
werde, werde ich vor Gericht vernünftig sprechen; werde ich für zurechnungsfähig
erklärt, so gebe ich bei meiner Fusonation an: ich bin das Lamm, ich bin
Christus. |
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Am Beginn des "Dritten Reiches" startet
Seeliger sein zweites Homnidissimus-Experiment: Die Provozierung der NS-Funktionäre.
Seeliger wird daraufhin verhaftet. |
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Während der Unterwachtmeister den
Schutzhaftbefehl aus der Tasche zog, trug sein Pseudokollege Koffer und Schreibmaschine
in den zwischen den zwölf Gefängniszellen und der Dienstwohnung befindlichen
Bürokratismusraum.
Tobias Hirth studierte das mich betreffende
Amtsgeschreibsel mit vorschriftgemäßer Sorgfalt, legte es dann offen
auf sein Dienstpult, unterzeichnete die Empfangsbestätigung und verschwand
dann mit meinen beiden Hierherbringern, um sie wieder auf die Straße
hinauszuschleusen, was immerhin einige Minuten beanspruchte.
Infolgedessen hatte ich Zeit genug, das Silbengemüse, durch das der an
mir verübte Freiheitsberaubungsversuch begründet werden sollte, in
genaueren Augenschein zu nehmen. Unterzeichnet war es von keinem anderen Beamten
als von dem Bezirksregierungsrat Dr. Kreitinger. Worauf ich den bereitliegenden
Amtsrotstift ergriff, die beiden Textzeilen, in denen sich die Silbengebilde
Jude und Nervenheilanstalt bemerklich zu machen wagten, dick unterstrich und
den zweifingerbreiten Respektsrand mit diesen zollhohen Buchstaben verzierte:
Beides Schwindel! Goethe. |
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Seeliger wird wieder entlassen, doch die Anzeichen
für eine dauerhafte Inhaftierung verstärken sich.
Seeliger verkauft sein Haus und flüchtet in die Schweiz. |
Wir aber gelangten über Basel nach
Zürich, wo wir von dem Stiefneffen Konrad Heiden, der sich schon ein Schiffsticket
nach New York gelöst hatte, in die Pension Schmelzberg gelotst wurden.
Und hier begann ich nun den Sophias Fehltritt mit Erasmus betitelten Renaissance-Roman,
den ich dann in Luzern, Bern, Interlaken, Lausanne, Genf, Locarno, Lugano,
St. Moritz und Basel fortsetzte, bis ich ihn, wieder nach Zürich zurückgekehrt,
im Spätherbst 1934 vollenden konnte. Überall, wohin wir kamen, suchte
ich meine Reportagevorräte zu vermehren.
Wilhelm Bretscher, der inzwischen zum Chefredaktor aufgerückt war, ließ
den Schutzhaftbefehl vom 5. Mai 1933 abschreiben und vertraute ihn dem Kuriosafach
der Neuen Züricher Zeitung an.
Harry Liedke, der meinen Millionendieb Peter Voss meisterhaft auf das Stummfilmband
gebracht hatte und der dann, zehn Jahre später, von einem marxistisch-
leninistisch-stalinistisch vorgebildeten Muschik niedergeknallt wurde, traf und sprach ich im Dolder- Hotel.
Auch die Baseler Fasnacht, in der diese eidgenössische Hansestadt bei
abgeschalteter Straßenbeleuchtung von Trommelchören erdröhnte
und nach Mehlsuppe duftete, ließen wir uns nicht entgehen. Bald darauf
besuchte uns in dem dicht bei Basel gelegenen St. Louis, wo wir im Hotel Pfiffer
wohnten, der ebenfalls in der Wiege sondergleichen, nämlich in Brieg Bez.
Breslau zur Welt gekommene, damals noch in Leipzig sich sehr erfolgreich bemühende
Verleger Wilhelm Goldmann, der später in ein östliches Konzentrationslager
geriet und das Glück hatte, ihm unbeschädigt zu entrinnen.
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Im April 1935 reist Seeliger wieder nach Deutschland
und lebt, 1936 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, zurückgezogen
in Hamburg. |
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So geschah es denn im Jahre 1935, am
ersten Tage des vierten Monats, an dem sich die Leute, die noch über die
notwendigen, die alle Nöte abwendenden Humorvorräte verfügen,
gegenseitiglich in den April zu schicken pflegen, daß wir nun von Basel
aus, mit Hilfe unserer tadellosen Reisepässe, die Reichsgrenze unangefochten
überschritten und in Hamburg eine an der Wielandstraße gelegene,
von Oskar Fiedler für uns ausbaldowerte ebenso gemütliche wie sturmsichere
Unterkunft fanden. |
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1940 zieht Seeliger mit seiner Frau nach Cham. |
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Als die auf Hamburg gerichteten Angriffe
der angelsächsischen Bombergeschwader immer heftiger wurden, zogen wir
uns, Ende 1940, in die Oberpfalz zu unserem Eingeborenen Sohn zurück,
wo wir zuerst in Janahof und dann in Cham, unbehelligt blieben. Und wieder
vergingen sieben Jahre, in deren Verlauf sich die Sieger die größte
Mühe gaben, ihre keimplasmatische Weltblamage nun auch noch pneumatologisch
zu erhärten, indem sie den Kalten Krieg vom Zaun brachen. Wie denn auch
geschrieben steht: Welteidgenossenschaft? Der allerfaulste Zauber für
mich Kotzarsch, den edelsten der Rauber! Denn niemals darf ich dulden, daß
sie sich vertragen, weil sie mir dann gemeinsam in die Fresse schlagen. |
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Auch in der jungen BRD provoziert Seeligers
Werk den Argwohn behördlicher Macht: Neuauflagen früherer Romane
werden konfisziert und verboten. |
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[Aus dem Nachwort von Max Heigl]
... eine juristische Initiative des Landgerichts Aschaffenburg, des Arbeits-
und Sozialministers des Landes Nordrhein-Westfalen und der Landesprüfstelle
für jugendgefährdende Schriften in Bonn entgegen: Wie 1922 erfolgen
Beschlagnahme und Razzien auf Neuauflagen zweier obszöner
Romane Seeligers, Die Abenteuer der vielgeliebten Falsette (1918) und Junker
Schlörks tolle Liebesfahrt (1920), die seit ihrem Erscheinen in vielen
Tausend Exemplaren verbreitet sind und von keiner Seite Beanstandung erfahren
haben. Mehr als dreißig Jahre später sollen sie dem Verdikt staatlicher
Kulturzensur verfallen. Was bei diesem, von Seeliger listig zum dritten Hominidissimus-
Experiment umfunktionierten Justiztheater fehlt, ist die Inhaftierung. Seeliger
ersetzt sie, gemeinsam mit Verlegerfreunden, durch ein epistolographisches
Trommelfeuer aus Satire und sprachakrobatischer Polemik in so aggressiver Form,
dass auch die Justiz- und Zensur- Behorden von Dussel-dorf und
Arsch-affenburg die Paragraphen strecken und das Verfahren einstellen:
Erneuter Triumph des Richtigdenkers über machtstaatliche Obrigkeitsfexen,
die sich selbst, indem sie mit Kanonen auf Spatzen schießen, als lächerlich
entlarven. Die Enthordnung oder Entlarvung der Horden
ist zum dritten Mal gelungen! |
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Seeliger plant die Gründung einer "PARADIES
AG" zur Veröffentlichung seiner Werke. |
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1958 Premiere der vierten Verfilmung von Seeligers
Roman "Peter Voß, der Millionendieb" mit O.W. Fischer in der
Hauptrolle. |
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Nach einem Sturz stirbt Seeliger am 8. Juni
1959 im Alter von 81 Jahren. |
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Sämtliche Abbildungen: Archiv
Heigl, Nittenau |
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