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Hominidissimus-Experimente
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Das Ziel |
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Mit allen drei Experimenten
versucht Seeliger zu zeigen, wie Horden (Staat, Kirche, Militär, Justiz
etc.) mit einem unbequemen Nonkonformisten umgehen, wenn er ihnen nachweist,
dass sie falsch denken und dass ein Richtigdenker jeder falsch denkenden Herrscherhorde überlegen
ist.
Im Zentrum des Experimentes steht also das Richtige Denken. Dieses
ist, in groben Umrissen skizziert, an sieben Komponenten zu erkennen: |
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Richtiges Denken |
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1. Richtig denken heißt:
die
Wahrheit sprechen, die Dinge richtig bezeichnen, nicht zweideutig, verschleiernd oder
falsch benennen, die Wörter beim Wort nehmen. Sie [die Wahrheit,
d. V.] ist das richtige, widerspruchslose, allmächtige Denken.
2. Richtig denken
heißt: miteinander denken, nicht gegeneinander. Was könnten die anderthalb Milliarden
Menschen vollbringen, wenn sie sich endlich als einige, ewige Menschheit erkennen
wollten! Konträre Positionen sieht Seeliger nicht als Anti-,
sondern nur als Nicht-.
3. Richtig denken
heißt: Mut und Zivilcourage zeigen. Wer Angst hat, denkt falsch.
4. Richtig denken
heißt: die Sprache unabhängig und kreativ gebrauchen, Wörter und Sätze
und damit Gedanken selber schaffen, statt in Fertigformeln zu sprechen. Wenn
ich Sätze brauche, so pflege ich mir diese Gebrauchsgegenstände selbst
anzufertigen.
5. Richtig denken
heißt: sich selbst beherrschen und dadurch Fremdbeherrschung verhindern. Wenn jeder sich selbst
beherrscht, was braucht es da einen Herrscher?
6. Richtig denken
heißt: frei und vernünftig denken. Alle Überzeugungen sind Irrtümer. Die Freiheit des
menschlichen Denkens besteht darin, sich stets der besseren Einsicht zuzuwenden.
7. Richtig denken
heißt schließlich: lustvoll denken. Das Denken ist die schwerste, aber auch die lustigste aller
menschlichen Arbeiten. Das Denken ist die göttliche Arbeit der Menschheit.
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Drei Experimente in
drei Systemen |
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Seeliger placierte seine
Hominidissimus-Experimente in drei politische Systeme Deutschlands: Weimarer Republik, Drittes
Reich und Bundesrepublik Deutschland. |
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Das erste Experiment |
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Das erste Experiment
kündigte er im Handbuch des Schwindels unter dem Stichwort Zensor
unmissverständlich an und sagte den Verlauf richtig voraus: Den
Schwätzereien eines Verrückten irgendwelche Beachtung zu schenken,
ist überaus unvornehm (s. Aristokrat). Sei also nicht solch ein ausgemachter
Narr, dies lächerliche Geschreibsel ernst zu nehmen. Vergreif dich nicht
an dieser nach deinen Ansichten (s. d.) höchst unglücklichen Buchmißgeburt
und beschlagnahme das blöde Geschmier (s. quasseln) nicht […].
Das Experiment sollte nicht nur den autoritären monarchischen Obrigkeitsstaat
des Kaiserreichs, sondern auch den demokratisch verfassten Staat der Weimarer
Republik als obrigkeitsstaatliche Horde entlarven, die einen autonom denkenden
und handelnden Hominidissimus als Störenfried betrachtet und mit Gewaltmitteln
zwingen will, sich dem System einzufügen. Seeliger will erfahren, wie
schnell und aus welch fadenscheinigen Motiven im neudemokratischen bayerischen
Obrigkeitsstaat ein unbequemer Mahner ins Irrenhaus geraten kann; er will erfahren
und zeigen, wie die in Horden organisierten Hominiden einem Hominidissimus,
also einem Vertreter der freien Menschheit, begegnen, nämlich mit den
Bütteln der behordlichen Macht; er will einen Gerichtssaal gewinnen als
Forum für seinen Appell ans Weltgewissen und zur Verkündung seiner
welteidgenössischen Friedensidee; er will durch das leibhaftige Beispiel
beweisen, dass Zivilcourage und richtiges Denken auch der massiven Staatsgewalt
erfolgreich entgegentreten und sie mit den Mitteln des entwaffnenden, weil
waffenlosen Humors ad absurdum führen können; er will zu der urhumoristischen
Erkenntnis hinführen, dass, wenn sich möglichst viele Menschen für
unzurechnungsfähig erklären ließen, sie durch ihre Steuerunfähigkeit
dem Staat auf legale Weise die finanzielle Grundlage zur Massenherstellung
von Waffen und Kriegsgerät entzögen: status ad absurdum! Und Seeliger
will den vor Strafverfolgung schützenden Paragraphen 51 zugesprochen bekommen
und dadurch Narrenfreiheit gewinnen im Bewusstsein, dass die wirklichen Narren
die anderen sind. (Seeliger weigerte sich bis an sein Lebensende, ordnungsgemäß
Steuern zu zahlen, mit der Begründung: Ich bin doch nicht verrückt
und zahle Steuern; ich habs ja amtlich, daß ich verrückt bin.)
Konsequenzen blieben nicht aus und zeigten sich darin, dass ab 1923 keine neuen
Bücher von ihm erschienen, außer einigen broschierten Pamphleten
in Selbstverlagen. Der § 51 ließ manchen Verleger vor den Risiken
neuer Seeligertitel zurückschrecken. Die erfolgreichen vor 1920 erschienenen
Titel wurden hingegen immer wieder aufgelegt. Ein Nebeneffekt dieses ersten
Experiments war, dass es dem Erfahrungshungrigen durch den Aufenthalt in einer
Heil- und Pflegeanstalt unverfälschte Milieustudien ermöglichte.
In der 1929er Ausgabe des Peter Voß hat er sie ausgiebig verwertet. |
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Das zweite Experiment |
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Beim zweiten Experiment
zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes 1933 geht die Initiative wieder
von Seeliger aus. Er verspottet die totalitäre Staatsmacht (Papierfähnchen) und
begegnet deren erwarteter Machtdemonstration (Ortsgruppenleiter von Walchensee),
indem er sie lächerlich macht. Die neuerliche, jetzt aus anderer Ursache
erfolgende Haft verwandelt er mit friedlichen Mitteln (Humor) in eine Possenszene
(Wandbemalung). Vor der Erkenntnis, dass sie nicht ernst genommen wird, resigniert
die Tölzer Behorde: Zivilcourage, List und Humor werden durch Entschutzhaftung
belohnt. Den Schlägertrupps der SA, die ihm Tage später auflauern,
entzieht er sich durch Flucht in die Schweiz; die Konsequenz freilich, Ausschluss
aus der Reichsschrifttumskammer mit Verbot neuer Publikationen, verdunkelt
den moralischen Triumph. |
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Das dritte Experiment |
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Beim dritten Experiment
in den Anfangsjahren der Bundesrepublik kommt ihm der Staat durch eine juristische
Initiative des Landgerichts Aschaffenburg, des Arbeits- und Sozialministers
des Landes Nordrhein-Westfalen und der Landesprüfstelle für jugendgefährdende
Schriften in Bonn entgegen: Wie 1922 erfolgen Beschlagnahme und Razzien auf
Neuauflagen zweier obszöner Romane Seeligers, Die Abenteuer
der vielgeliebten Falsette (1918) und Junker Schlörks tolle Liebesfahrt
(1920), die seit ihrem Erscheinen in vielen Tausend Exemplaren verbreitet sind
und von keiner Seite Beanstandung erfahren haben. Mehr als dreißig Jahre
später sollen sie dem Verdikt staatlicher Kulturzensur verfallen. Was
bei diesem, von Seeliger listig zum dritten Hominidissimus-Experiment umfunktionierten
Justiztheater fehlt, ist die Inhaftierung. Seeliger ersetzt sie, gemeinsam
mit Verlegerfreunden, durch ein epistolographisches Trommelfeuer aus Satire und sprachakrobatischer
Polemik in so aggressiver Form, dass auch die Justiz- und Zensur- Behorden
von Dussel-dorf und Arsch-affenburg die Paragraphen
strecken und das Verfahren einstellen: Erneuter Triumph des Richtigdenkers
über machtstaatliche Obrigkeitsfexen, die sich selbst, indem sie mit Kanonen
auf Spatzen schießen, als lächerlich entlarven. Die Enthordnung
oder Entlarvung der Horden ist zum dritten Mal gelungen! |
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Aus dem Nachwort von
Max Heigl. |
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