.PHILOSOPHIE/HISPANISTIK

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Andrés Ortiz-Osés
Razón y sentido. Aufsätze zur symbolischen Hermeneutik der Kultur

Ethik des Bösen

Jede klassische Ethik ist eine Ethik des Guten: des Guten gegen das Böse, des Helden gegen den Drachen, des Formalen gegen das Materielle (Unförmige). Der Sieg ist rückversichert, denn das Böse wird als akzidentaler Mangel des Guten definiert, das seinerseits einen substanziellen Überschuss besitzt, indem es mit dem Sein selber identifiziert wird (esse dat forma rei).
In dieser unserer offiziellen Ethik gehen wir vom Guten aus, weil nur das Gute ernst genommen wird: Ethik des Sollens und nicht des Sein-Könnens, Ethik des Glücks und des Konsums von Gutem/Gütern, positive oder heldenhafte Ethik, formale Ethik. Das Böse und das Schlechte – kakía, cacón – gehören hier zum unförmigen Materiellen: zum Kakus-Dämon, einem hässlichen Ungeheuer, Vertreter des Negativen als Mangelhaftem (cacós, malus). Schon O. Spengler hat erkannt, wie in unserem Klassizismus das Tragische zum kosmischen dunklen Abgrund der Mater-Materie vertrieben wird.
So wird das Gute dem immanenten Bösen gegenüber transzendental. Noch in gewissen klassischen Texten, wie in Sokrates-Platon, werden die grundlegenden Wirklichkeiten - wie die Liebe – dialektisch gedacht, so dass Eros, im Symposium, eine Zwischenwirklichkeit ist, halb göttlich und halb dämonisch, positiv und negativ, gut und schlecht. Aber an den Kreuzungen unserer Kultur verfestigen sich der Vorzug und die Übermacht [prepotencia] des Guten gegenüber dem Bösen, wie in Plutarch, dessen Erotikós oder Amatorius die Liebe göttlich und nicht mehr dämonisch erklärt.

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