|
|
Ethik des Bösen
Jede klassische Ethik ist eine
Ethik des Guten: des Guten gegen das Böse, des Helden gegen
den Drachen, des Formalen gegen das Materielle (Unförmige).
Der Sieg ist rückversichert, denn das Böse wird als akzidentaler
Mangel des Guten definiert, das seinerseits einen substanziellen
Überschuss besitzt, indem es mit dem Sein selber identifiziert
wird (esse dat forma rei).
In dieser unserer offiziellen
Ethik gehen wir vom Guten aus, weil nur das Gute ernst genommen
wird: Ethik des Sollens und nicht des Sein-Könnens, Ethik
des Glücks und des Konsums von Gutem/Gütern, positive
oder heldenhafte Ethik, formale Ethik. Das Böse und das Schlechte
kakía, cacón gehören hier zum
unförmigen Materiellen: zum Kakus-Dämon, einem hässlichen
Ungeheuer, Vertreter des Negativen als Mangelhaftem (cacós,
malus). Schon O. Spengler hat erkannt, wie in unserem Klassizismus
das Tragische zum kosmischen dunklen Abgrund der Mater-Materie
vertrieben wird.
So wird das Gute dem immanenten
Bösen gegenüber transzendental. Noch in gewissen klassischen
Texten, wie in Sokrates-Platon, werden die grundlegenden Wirklichkeiten
- wie die Liebe dialektisch gedacht, so dass Eros, im Symposium,
eine Zwischenwirklichkeit ist, halb göttlich und halb dämonisch,
positiv und negativ, gut und schlecht. Aber an den Kreuzungen unserer
Kultur verfestigen sich der Vorzug und die Übermacht [prepotencia]
des Guten gegenüber dem Bösen, wie in Plutarch, dessen
Erotikós oder Amatorius die Liebe göttlich und nicht
mehr dämonisch erklärt. |
|