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Ewger Seeliger.............
Messias Humor.
Fragmente einer Autobiographie
1877–1959
Herausgegeben von L. Alexander Metz
mit Kommentaren und einem Nachwort von Max Heigl

Hardcover mit Lesebändchen, 320 Seiten, Abb., 24,80 EUR
ISBN 978-3-938498-06-4

Die Wiege Sondergleichen
(Kapitel I)

Mein Vater besuchte das Schullehrer-Seminar in Steinau an der Oder und wurde 1873 als Hauptlehrer in das der vom Volksmund mit Klein-Breslau bespitznamsten Kreisstadt Brieg angelagerte Oderuferdorf Rathau berufen, wo ich am 11. Oktober 1877, im Zeichen der Waage, mein Individualdasein beginnen durfte.
Als ein nach jeder Richtung hin vorbildlich friedseliger Dorfmagister und Silbenmagier hatte mein Vater nicht weniger denn drei Steckenpferde: Goethes Werke, Mozarts Musik und die liebe Bienenzucht. Und so konnte mir denn das annähernd märchenhafte Glück zuteil werden, zwischen drei vollen Bücherschränken, einem Klavier und einer Violine, wie neben einer von zwölf Weinstöcken umrankten Dorfschulstube, allerhand Obstbäumen, Beerensträuchern und Bienenvölkern mit meinen drei Geschwistern, Hertha, Paul und Käthe, ungestört und wohlbehütet aufzuwachsen. […]

An meinem dreizehnten Geburtstage stand wieder einmal meine Berufswahl zur Debatte. Ich selbst verspürte, ebensowenig wie mein mit sportlichem Eifer geladener Bruder Paul, wenig Lust, aus mir einen Nurpädagogen machen zu lassen, zumal ich doch täglich vor Augen und in den Ohren hatte, wie sich der Vater mit der begablich stadtwärts entrahmten Rathauer Jugend herumplagen mußte. Denn unsere mehr oder minder reichen Bauern pflegten von jeher ihren Nachwuchs beiderlei Geschlechts nach der Stadt Brieg hineinzuschicken, wo außer der Bürgerschule nicht nur ein noch aus der Reformationszeit stammendes Vollgymnasium, sondern auch eine agrarisch abgestimmte Einjährigenbruthecke sowie eine höhere und eine etwas tiefere Töchterschule zur Verfügung standen.
„Wenn ich nicht dichten soll“, muckte ich auf, „dann pfeif ich auf alles andere!“
„Dichten ist kein Beruf!“, ereiferte sich die Mutter. „Denn vom Dichten allein kann kein anständiger Mensch leben. Schiller war Universitätsprofessor, und Goethe war sogar Ministerpräsident! Und was wäre aus ihm geworden, wenn er seine allerbesten Jahre nicht mit einer verheirateten Frau verplempert hätte! Und dann hat er, wie zur Strafe, seine Köchin heiraten müssen! Oder stimmt das vielleicht nicht?“
„Nur zu genau!“, nickte der Vater schmunzelnd. „Goethe hatte sehr viel Glück bei den Damen, doch hat er als Familiengründer keine Lorbeeren zu ernten vermocht.“
„Junger Dichter, alter Bettler!“, verwarnte mich die Mutter. „Und eben deswegen mußt du Lehrer werden, und das nicht nur spaßeshalber!“
„Die Hauptsache ist“, meldete sich hier der Vater, „daß man ein starkes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze, um seine Absichten auszuführen, alles übrige ist gleichgültig und macht sich von selber.“
„Festes Gehalt“, trumpfte nun die Mutter auf, „unkündbare Stellung, im Alter versorgt, und dann noch die wunderschönen Ferien! Die Prüfungen machst du spielend! Und dann suchst du dir eine hübsche, gescheite Frau und kannst nebenher, in deiner Freizeit, so viele Verse drechseln, wie du magst. Und keiner deiner Vorgesetzten wird dich daran hindern können.“
„Zweifellos!“, stimmte der Vater zu. „Und hast du dann als Dichter Glück, so viel, wie ich dir von Herzen wünsche, dann steht es dir noch immer im gegebenen Augenblick frei, auf Gehalt, Titel und Pension zu verzichten und dein Amt niederzulegen. Und sogleich wirst du so frei sein, wie es der vom Respekt geplagte Fürstendiener Goethe niemals gewesen ist, für den die Freiheit gar nichts anderes war als die Möglichkeit, unter allen Umständen das Einzigvernünftige zu tun.“
Und meine ganz entschiedene Abneigung, irgend etwas übers Knie zu brechen, gab denn auch in dieser Sache den Ausschlag.

Das Abenteuer der Vernunft
(Kapitel XVI)

Wenige Tage später durfte ich den Beginn meines achtundvierzigsten Daseinsjahres feiern. Meine Frau spielte die Oberon-Ouvertüre. Dann brachte der Briefträger die eingelaufene Post. Ein Glückwunsch vom Finanzamt Bad Tölz befand sich nicht darunter.
Gegen Mittag erschienen dann, als Hauptgratulanten, der Eingeborene Sohn und seine junge Frau und bescherten mir einen Rundfunkempfänger. Es war ihnen inzwischen gelungen, in der oberpfälzischen, am Regen malerisch gelegenen Kreisstadt Cham eine Radiofirma zu gründen. Sie blieben bei uns bis zum folgenden Morgen und nahmen dann in ihrem Auto die Mutter mit, der wir zugesichert hatten, sie noch vor Antritt unserer Amerika-Reise in Brieg zu besuchen.
Aus Frankfurt lief, etwas verspätet, ein Glückwunsch von Franz Oppenheimer ein, der im Januar wieder einmal nach Tel Aviv reisen und vorher, auf der Fahrt nach Venedig, einen der Weihnachtsfeiertage bei uns verbringen wollte.
Wir luden ihn sofort ein, und als er sich für den zweiten Weihnachtsfeiertag entschieden hatte, rief ich Loewenfeld und Feuchtwanger an, sich dann gleichfalls in Walchensee einzufinden.
Die nächsten Wochen widmete ich dem Weitergedeihen des ersten Hominidissimus-Experiments und der Treff ist Trumpf betitelten, aus sieben Teletrickvisionen bestehenden Schreckfetischparade über die gekommenen wie über die kommenden Dinge.
Unterdessen hatte der Gärtner Georg Deuschle unsere Kuchelhexe Bertha geheiratet und war dadurch unser Hausmeister geworden, und er besorgte uns auch aus dem nahen Hochwald eine Tanne, die sich nun in der Ecke unseres Speisezimmers, mit zwei Dutzend Bienenwachskerzen besteckt, ebenso augenerfreulich wie nasenweidlich bemerkbar zu machen wußte.
Dazu spielte meine Frau die ihr bekannten Weihnachtslieder und schloß mit: Stille Nacht, heilige Nacht.
Wir beschenkten uns wechselseitig mit einer mehrmonatlichen Rundreise durch das noch immer von der Mussolinitrichinose befallene Land, wo die Zitronen blühn.
Und dann, am zweiten Weihnachtsfeiertage, trafen mit dem ersten Postomnibus die drei nun im Abendlande wohnhaften Weisen aus dem Morgenlande ein, die zwar nicht Kaspar, Melchior und Balthasar, sondern Oppenheimer, Loewenfeld und Feuchtwanger hießen.
Sie wurden von dem Spitz Aubry wohlwollend angekündigt, von uns mit dem Einzugsmarsch aus Verdis Aida begrüßt und ließen dann dem von einer Bratgans gekrönten Festmahl alle Ehre angedeihen.

Reichsspuk in braun
(Kapitel XVIII)

Und gleich darauf begann, Ende Februar 1933, die sobenamste Machtergreifung mit dem von den beiden Universalkulissenreißern Hitler und Goebbels angestifteten Großfeuerzauber, der die Kuppel des Reichstagsgebäudes und das Dächermeer des spreeathenischen Karzinomiums herostratisch belodern und damit die braunbrandende Infektionspsychose des Dritten Reiches hereinbrechen ließ, das nach Ansicht des aus lauter für die Gummizelle überreifen Wolfsmilchschwärmern bestehenden Gründungsschustermittels nicht weniger als eintausend Jahre dauern sollte.
Die bisherigen Staatsgewaltverüber schwenkten, soweit sie nicht ihrer Ämter enthoben wurden, als Korruptionäre oder als Sabotöre in den neuen Kurs ein, der Golem der Amtsniederträchtigkeit verfiel in epileptische Triumphkrämpfe, das Braune Haus in Isarathen blähte sich auf zur Kontrasynagoge, der Oberparagraphenmufti Franz Gürtner wurde Reichsjustizminister und hatte nichts Eiligeres zu tun, als sich die beiden Schwindelbegriffe Schutzhaft und Hilfspolizist aus den Buchmörderfingern zu saugen […].