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Ulla Schulze-Opperau
Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll.
Erinnerungen an Kindheit und Jugend 1934–1950

Leseprobe
Ich klingelte am Gartentor meines Elternhauses. Nichts rührte sich. Ungeduldig drückte ich den Klingelknopf. Ich wollte Bärbel endlich ins Warme bringen. Keine Ruth öffnete - wo blieb sie nur so lange. Keines meiner Geschwister zeigte sich an einem der Fenster – das Haus lag wie ausgestorben. Die Tür des Nachbarhauses öffnete sich, der Hausherr stand auf der Schwelle. Er begrüßte mich mit ernstem Gesicht. „Ihre Eltern sind schon fort“, erklärte er. Verständnislos sah ich ihn an, unfähig, Fragen zu stellen. „Ja, wissen Sie denn nicht, dass wir alle fort müssen? Wir werden auch gleich fortgehen – meine Frau und meine Töchter packen. Die Russen kommen, Breslau wird geräumt.“
Ich hatte Mühe, den Sinn seiner Worte zu begreifen. Meine Eltern fort – wie konnte das sein? Wir hatten doch vorgestern Abend noch so gemütlich beisammen gesessen. Sie konnten doch nicht einfach fortgegangen sein, ohne mir etwas zu sagen, ohne mich mitzunehmen! Um die Ecke bog eine Gestalt. Ich erkannte in ihr einen unserer Meister. Er hatte die Worte des Nachbarn mit angehört und sah mich ratlos an. „Ich wollte Ihre Frau Mutter sprechen“, sagte er dann. „In der Stadt ist alles in Aufruhr, und ich habe den Gestellungsbefehl zum Volkssturm bekommen. Kein Mensch weiß, wie es jetzt weitergehen soll, ich weiß nicht, was aus dem Betrieb wird. Ich muss jetzt erst noch einmal nach Hause gehen und mich darum kümmern, dass meine Frau und meine Töchter aus der Stadt kommen. Und Sie müssen auch nach Hause. Kommen Sie.“ [...]

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