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Ulla Schulze-Opperau
Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll.
Erinnerungen an Kindheit und Jugend 1934–1950

Leseprobe
Einmal aber beging ich wissentlich eine Missetat, eine Missetat, mit der ich meinen Bruder nachgeahmt hatte, nur dass der sich dabei nie von den Eltern erwischen ließ.
Es ging ums Fluchen. Von Kindesbeinen an hatte uns man davor gewarnt, jemals zu Fluchen. Fluchen war eine Todsünde. Und der liebe Gott würde deshalb nicht zögern, uns auf der Stelle zu bestrafen. Mit Blitz und Donner, wenn nicht mit noch schrecklicheren Dingen. Ebenso, wie das Lügen auf der Stelle Grässliches nach sich ziehen würde. Einem Lügner würde sofort eine große, schmerzhafte Blase auf der Zunge wachsen, aus der wenige Stunden später eine Kröte spränge. Und gar einem Kinde, das nach seinen Eltern schlüge, würde dereinst die Hand aus dem Grabe wachsen.
Also alles sehr grauenvolle Aussichten. Da wäre es schon besser, auf dem Pfad der Tugend zu bleiben. Abgesehen davon würde die letzte Drohung sowieso niemals eintreten, denn welches Kind würde schon nach seinen Eltern schlagen. Das war unvorstellbar. Ich war ein gläubiges Kind. Eine Drohung von Erwachsenen war ernst zu nehmen, schon gar, wenn sie von Seiten der Großmama oder der Mama kam. Also fluchte ich nicht, um den lieben Gott nicht zornig zu machen, und ich log nicht, weil ich weder eine Blase noch eine Kröte auf der Zunge haben wollte. Außerdem schien mir das Lügen eine sehr umständliche Sache zu sein, denn man musste sehr scharf überlegen, was für eine Geschichte man erfinden sollte. Da war es einfacher, mit der Wahrheit herauszuplatzen. Ich sah also eigentlich keine Schwierigkeiten darin, in Bezug auf diese drei Todsünden auf dem rechten Wege zu bleiben.
Es war ein herrlicher Sommertag. Heinz und ich lagen nebeneinander im Gras der kleinen Wiese hinter dem Haus. Wir lagen auf dem Bauch und unterhielten uns. Heinz sprach von irgendeinem seiner vielen Erlebnisse und flocht dabei ein paar Mal die Worte „verdammt“ und „verflucht“ ein. Angstvoll blickte ich zum Himmel empor. Ich erwartete, dass ein Blitzstrahl auf uns niederführe und gestand meine Befürchtung dem Bruder. Der lachte mich aus: „Du bist mir vielleicht ein Dummerchen, was lässt du dir auch alles für Märchen aufbinden!“ Ich war gekränkt: Wem sollte man denn etwas glauben, wenn nicht der Großmama, der Ottilie oder der Mama. Ich wollte es jetzt genau wissen und machte die Probe aufs Exempel. Und die ergab sich, als Heinz vor sich ins Gras spuckte. Vor so etwas ekelte ich mich mehr als vor sonst etwas. „Du bist eine verdammte Sau!“, rief ich kühn aus. Und eine Spur zu laut. Ich hatte die Schritte von Mama nicht gehört. „Was hast du da gesagt?“, rief Mama, „steh sofort auf!“ Dann zerrte sie mich am Handgelenk ins Haus. Dort griff sie nach dem Rohrstock, denn solch ein Folterinstrument existierte auch im Ferienparadies. Nur war es mir gegenüber hier noch nicht angewendet worden, war wohl eher für Heinz gedacht. Aber nun tanzte er über meine nackten Oberschenkel, denn ich hatte der Hitze wegen nur einen Badeanzug an. Fünf, sechs, siebenmal, dann hielt Mama ein und ich rannte die Treppe herauf in mein Schlafzimmer, um mich erst einmal auszuheulen [...]

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