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| Leseprobe

Irmgard Diers
Kriegswehen. Erinnerungen 1934–1950

Leseprobe
Dann geschah etwas Unfassbares. Im Frühjahr 1944 kamen fremde Menschen in unser Haus und nahmen Mama mit. Unsere Oma würde gleich kommen, sagten sie – ich begriff gar nichts.
„Sie haben unsere Mama mitgenommen“, rief ich aufgeregt.
Aber Oma meinte nur: „Ich weiß, ihr schlaft heute bei uns.“
Wolfgang und Grete waren wieder in Berlin, ihre Eltern wollten die Kinder aus Ostpreußen heraus und in ihrer Nähe haben, mit einem Mal schien es bei uns zu gefährlich; somit war wieder Platz in Omas kleiner Wohnung.
Unsere Mutter sei im Gefängnis, erfuhr ich in Bruchstücken, sie hätte sich mit einem Kriegsgefangenen eingelassen!
Am anderen Tag in der Schule rief mich Frau Jäckel, die Lehrerin, nach vorne an das Pult, drehte mich mit dem Gesicht zur Klasse und sagte: „Seht her, so sieht die Tochter einer Vaterlandsverräterin aus, ihre Mutter sitzt jetzt im Gefängnis!“

Die Leute redeten und klatschten, Oma und Ursel wurden von den Nachbarn gemieden, nur andeutungsweise erfuhr ich Einzelheiten von Oma.
Mama hatte sich mit einem Franzosen „eingelassen“. Man hatte sie schon länger beobachtet und Charlie, den ich ja auch gut kannte, wurde erwischt, als er aus ihrem Schlafzimmerfenster sprang.
Es war ein Ehedrama, wie es immer wieder vorkommt, aber in jener Zeit wurde es als politisches Vergehen geahndet: Vaterlandsverrat!
Oma meinte auch: „Unsere Soldaten stehen an der Front – wie konnte sie nur!“
Es stellte sich heraus, dass Mama schwanger war, ihr Glück im Unglück, sonst wäre sie vielleicht im Konzentrationslager gelandet.
Nun saßen beide Delinquenten „nur“ im Gefängnis. Es gab eine Gerichtsverhandlung, bei der ich auch aussagen musste [...]

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