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Ästhetik
und Moderne |
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E i
n l e i t u n g
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Uta Kösser
Ästhetik und Moderne.
Konzepte und Kategorien im Wandel |
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1 Zur Modernität von
Ästhetik |
Die Ästhetik ist weniger
deswegen eine moderne Disziplin, weil sie erst relativ spät
begründet wurde - 1750 mit Baumgartens Aesthetica -, sondern
weil sie mit der Hinwendung zum Subjekt einsetzt, also mit einem
modernen Erkenntnisinteresse beginnt. Zum anderen begleitet sie
die wesentlichen Modernisierungsprozesse mit einem Anspruch auf
eine Alternative: Das ästhetische Feld wird sehr dezidiert
als etwas begriffen, was die Negativfolgen von Modernisierung ausgleichen
könnte. Drittens reagiert der ästhetische Diskurs auf
diese Modernisierungsprozesse: auf Arbeitsteilung und Differenzierung,
auf ein Leben, das nicht nur sozial differenziert gelebt wird,
sondern auch als leidensvoll, bedrohlich, chaotisch empfunden wird,
auf die neue Technik, auf die Rationalität der bürgerlichen
Gesellschaft, auf Kriege, Gewalt und Barbarei, auf politische Bewegungen,
auf zunehmende Freiheit und Individualisierung, auf Fortschritt,
zunehmende Geschwindigkeit, veränderte Wahrnehmung u.a.m.
Viertens ist der ästhetische Bereich selbst von modernen Differenzierungen
erfasst. Das betrifft zum einen die Disziplin selbst: begründet
von Baumgarten als Lehre von der sinnlichen Erkenntnis, wird sie
bereits von Hegel als Philosophie der schönen Kunst bestimmt,
von den Nachfolgern Vischer und Weiße als Philosophie des
Schönen. Im 19. Jahrhundert unternimmt Fechner eine Einteilung
in Ästhetik von oben und von unten und am Ende des 19. Jahrhundert
wird eine Unterscheidung in Ästhetik und Kunstphilosophie
diskutiert (Fiedler, Simmel, Dessoir u.a.). Das 20. Jahrhundert
schließlich bringt partielle Ästhetiken - Ästhetik
des Widerstands, des Schreckens etc. - und fordert mit der Postmoderne
eine "Rückkehr zur Aisthesis". Auch an der Kunst
gehen die Modernisierungsprozesse nicht vorbei, sie bleibt nicht
die schöne Kunst, wie sie das 18. Jahrhundert definierte,
sondern ist von zunehmender Hässlichkeit befallen, was die
Romantik bereits diagnostiziert. Dieser Befund führt im Gefolge
einerseits zur Systematisierung und Aufwertung des Hässlichen
in der Ästhetik: Rosenkranz' Ästhetik des Hässlichen
wie die Systematisierungsversuche seiner Zeitgenossen Weiße
und Vischer belegen dies. Andererseits greift Modernisierung auch
insofern in die Kunst ein, als diese sich in verschiedene Kunststile
ausdifferenziert, so wie das moderne bürgerliche Leben verschiedene
Lebensstile zeitigt: Dem Realismus, Naturalismus und Ästhetizismus
am Ende des 19. Jahrhundert folgen die Ismen der künstlerischen
Moderne.
Der Sachverhalt, dass seit Ende des 18. Jahrhundert Kunst als das
"Andere zur Welt" begriffen wird, das auch Rückzugsmöglichkeiten
bietet, um dieser "schlechten Welt" zu entgehen, führt
auch zur Trennung von Kunst und Leben. Dagegen machen die Avantgarden
zu Beginn des 20. Jahrhundert Front, indem sie - wiederum auf ganz
verschiedene Weise - die Einheit von Kunst und Leben fordern und
entsprechende Strategien entwickeln, die über eine neue Wahrnehmungsweise
durch Kunst eine neue Wahrnehmung des Lebens bewerkstelligen sollen.
Für sie ist charakteristisch, dass sie nicht nur die Kunst
revolutionieren wollen, sondern auch die bürgerliche Welt,
das bürgerliche Leben, das vor dem Hintergrund der Erlebnisse
des Ersten Weltkrieges und der Revolutionen als unwert, veränderungswürdig
und veränderbar gesehen wird. Das führt auch dazu, dass
sich die historischen Avantgarden sozialen Bewegungen anschließen,
in der Regel linken Bewegungen, aber - wie im Falle des Futurismus
- auch nationalistischen.
Damit gehört zu den Modernisierungstendenzen auch, dass politisches
Feld und ästhetisches Feld sich nicht mehr ausschließen
und andererseits, dass die Ambivalenz des Ästhetischen - seine
Brauchbarkeit für positive wie negative Ziele - deutlich wird.
Das zeigt sich einerseits in der Thematisierung des Verhältnisses
von Kunst und Politik, von Kunst und Macht, wiederum in unterschiedlichen
Konzepten, andererseits wird Kunst wie das ästhetische Feld
in politische Ziele eingebunden. In diesem Kontext interessiert
einerseits die Ästhetisierung der Politik im Nationalsozialismus,
andererseits die Ablehnung avantgardistischer Kunst durch marxistische
Theoretiker - wie Lukacs - in der so genannten Expressionismusdebatte.
Charakteristisch für das 20. Jahrhundert sind Verbrechen und
Gewalt - zwei Weltkriege, Auschwitz, Gulag. Dies führt zu
bohrenden Fragen: einerseits, ob und wie Kunst nach Auschwitz noch
möglich sei: Adorno; andererseits, ob Kunst angesichts der
mörderischen Geschichte der Menschheit und selbst nicht frei
von Barbarei, ein widerständiges Potenzial entwickeln könne:
Peter Weiss mit seiner Ästhetik des Widerstands; oder ob man
nicht aus erlebtem Schrecken auch Wahrnehmungsgewinn und Grenzerfahrung
ziehen könne: Bohrer mit seiner Ästhetik des Schreckens.
Ebenso charakteristisch sind die sozialen Bewegungen, die sich
sowohl der Kunst wie des ästhetischen Feldes bedienen - neben
Nationalsozialismus und kommunistischer Bewegung bezieht die Studentenbewegung
der 60er Jahre das ästhetische Feld in ihre Aktionen ein,
betreibt auf ihre Weise auch Ästhetisierung der Politik und
denkt über die Möglichkeiten von Kunst nach, sich der
Ästhetisierung und Vereinnahmung durch die Konsumwelt zu entziehen.
Marcuse setzt daher auf die Permanenz der Kunst, weil sie die Wirklichkeit
übersteigen und sublimieren könne.
Die Avantgarden haben die Kunstlandschaft entscheidend verändert
- dies führt zum Problem, wie Kunst nun bestimmt werden kann.
Das Thema der Wandlungen des Kunstbegriffs wird wieder akut, nun
vor veränderter historischer und künstlerischer Situation.
Postmoderne schließlich denkt sich nach all diesen modernen
Entwicklungen und Programmen, sie sieht die moderne postmoderne
Welt durch und durch ästhetisiert und entwickelt Verweigerungsstrategien;
sie setzt das Anästhetische auf ihr Programm.
Die Modernisierungsprozesse verändern auch den Modus des Nachdenkens:
Sukzessive erfolgt ein Übergang vom Substanz- zum Funktionsdenken,
von der Systematik zum Essay; wandeln sich nicht nur die Auffassungen
von Kunst, Schönheit und Sinnlichkeit, sondern stellen sie
oftmals auch infrage, sie bewirken Umwertungen und bringen Verweigerungen:
Ist Kunst noch möglich angesichts von Verbrechen und Gewalt
oder angesichts der Tatsache, dass die Avantgarden das Werk zerstören?
Ist Schönheit noch möglich, wo doch die moderne Welt
einer gigantischen Ästhetisierungswelle unterliegt und das
Schöne im schönen Schein oder das Erhabene im Kolossalischen
der Macht politisch missbraucht wird? Und was soll Ästhetik
dann noch, wo sie sich von alters her doch mit Kunst und Schönheit
beschäftigt? |
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2 Was bedeutet modern'? |
Der Terminus modern' erscheint
bereits in der Querelle des anciens et des modernes am Ende des
17. Jahrhundert, die darum streitet, ob man die Kunst der Alten,
also die antike Kunst als Vorbild für die neue Zeit nehmen
und sie daher einfach nachahmen sollte oder ob die neue Zeit eine
neue Kunst brauche. Getragen ist diese Querelle von einem neuen
Selbstbewusstsein, das wesentlich aus den seit dem 16. Jahrhundert
radikal erneuerten Wissenschaften und aus der Macht und dem Glanz
des französischen Absolutismus erwächst. Descartes und
Kopernikus glaubten die modernen Wissenschaften durch das Prinzip
der perfectibilité den alten Wissenschaften überlegen
- und dieses Prinzip will man nun auf die Kunst übertragen;
auch die moderne Kunst soll perfekter sein als die alte. Diese
Querelle hat zwei wichtige Ergebnisse: Erstens kommt es zur Trennung
der Künste von den Wissenschaften, der Kollektivsingular "die
Kunst" kommt auf, die als schöne Kunst definiert wird,
und man entwickelt zweitens ein historisches Bewusstsein auch von
den Künsten, hervorgerufen durch die Gegenüberstellung
antike und moderne Kunst, was sich in der Einteilung in historische
Kunstformen niederschlägt. Dies verweist zugleich auf ein
zentrales Kriterium der Moderne - auf den Fortschritt. Die Frage,
ob eine neue Zeit nicht auch eine neue Kunst brauche, kehrt von
da ab immer wieder. Sie erscheint bei Goethe und Schiller und in
der Romantik, ist in Hegels These vom "Ende der schönen
Kunst" enthalten wie in Heines Präzisierung vom "Ende
der Kunstperiode", kehrt wieder in den Manifesten der Avantgarden
und in einer linken oder marxistischen Ästhetik. Das Wort
modern' begegnet uns in dem Moment, als man auf die Antike
vergleichend zurückblickt (Goethe, Schiller, Hegel, Schlegel)
und nun zwischen alter und moderner Kunst unterscheidet, die offensichtlich
anderen Anforderungen genügen muss und die ein anderes Erscheinungsbild
hat - weniger ein schönes, denn ein hässliches, charakteristisches
und interessantes. Allerdings gebraucht man nicht nur die Termini
antik und modern, sondern auch naiv und sentimentalisch wie bei
Schiller oder klassisch und romantisch wie bei Hegel oder natürlich
und künstlich wie bei Schlegel. Dass es um 1800 wiederum zu
einem Bewusstsein von Modernität kommt, ist Folge der Französischen
Revolution, die einerseits Fortschritt verspricht und auch bringt,
andererseits mit Gewalt gepaart ist, die Schiller darüber
nachdenken lässt, ob man den "Übeln der modernen
Kultur" nicht mit einer ästhetischen Erziehung begegnen
müsse, um das Individuum für eine vernünftige Gesellschaft
"reif" zu machen. Zu Beginn des 19. Jahrhundert bildet
sich nicht nur bei Schiller, sondern auch in der Romantik ein deutliches
Bewusstsein für Modernisierungsschäden heraus, das sich
fortsetzt - etwa bei Schopenhauer und Nietzsche. Die Französische
Revolution, die Veränderungen, die sie hervorruft und das
Potenzial, das sie danach für eine moderne kapitalistische
Entwicklung freisetzt, die vor allem durch die zweite Phase der
industriellen Revolution ab 1832 und neue Revolutionen vorangetrieben
wird, haben dieses Bewusstsein nicht nur verstärkt, sondern
auch dazu geführt, die Moderne ab 1800 anzusetzen, obwohl
die deutsche Subjektivierung, der Begriff "die Moderne"
nun erst am Ende des 19. Jahrhundert geprägt wurde - und zwar
in Bezug auf die Kunst. Der Literaturhistoriker Eugen Wolff (1863-1929)
hält 1886 im Berliner Verein "Durch" einen Vortrag
mit dem Titel Die Moderne. Zur Revolution und Reform der Literatur.
Die Moderne wird daraufhin zum Inbegriff für "die jüngsten
socialen, litterar. und künstlerischen Richtungen" (Brockhaus
1894). Wir haben also um 1900 wiederum eine neue Phase des Bewusstseins
von Modernität, ausgelöst durch Differenzierungsprozesse
in den Wissenschaften, den Künsten, in den sozialen Verhältnissen,
die auch zu Ohnmachtsgefühlen führen. Die objektive Kultur
scheint das Individuum zu unterdrücken, so dass Simmel von
der "Tragödie der Kultur" spricht. Die Avantgarden
oder die "künstlerische Moderne" reagieren auf diese
Ohnmacht mit einem Schrei - wie der Expressionismus. Sie reagieren
auch auf die zunehmende Barbarei - das Erlebnis des Ersten Weltkrieges
- und sie revolutionieren andererseits den Kunstprozess, so dass
an ihrem Ende die Frage bleibt, wie denn nun diese "nicht
mehr schöne Kunst" auf den Begriff zu bringen ist. Und
sie beeinflussen die so genannte Postmoderne, die sich nicht als
eine neue Epoche außerhalb der Moderne versteht, sondern
in der Moderne kritisch auf diese reagiert.
Es zeigt sich also, dass der Terminus modern relational und polemisch
gebraucht wird. Das heißt aber auch, er wird funktional verstanden
und nicht substanziell. Als relationaler Terminus ist modern sehr
alt und geht auf das lateinische Wort modus (eben, erst, jetzt)
zurück, das sich abhebt von antiqua (alt) - und diese Abhebung
geschieht polemisch und zwar bereits im Mittelalter. Das Neue,
Moderne ist entweder besser oder schlechter - je nach Standpunkt.
Die alte antike Kunst soll der modernen neuen Kunst als Vorbild
dienen - so die Meinung der Aufklärung und Klassik. Heine
meint dagegen, eine neue Zeit brauche eine neue Kunst, die nicht
mehr aus den Prinzipien des alten Regimes erwachsen könne.
Ähnliches werden die Avantgarden formulieren und praktizieren,
wenngleich aus anderen Gründen, und zugleich die ständige
Innovation der Kunst als Forderung erheben. Damit sind wir bei
einem Grundzug von Moderne: Versteht sie sich als Epoche, dann
versteht sie sich als jenes Zeitalter, "das die Dimension
Zukunft, die Idee des Fortschritts entdeckt und das Neue absolut
gesetzt hat". Zugleich aber ist zu beobachten, dass Moderne
auch immer dann thematisiert wird, wenn sie problematisch wird.
Das beginnt mit Schiller und endet zunächst in der Postmoderne.
Wenn die Moderne oder das Moderne das Neue thematisiert und sich
polemisch davon abgrenzt, dann hat sie sich auch mit dem "Alten",
der Tradition, auseinander zu setzen - auch dies ein Grundzug moderner
wie postmoderner Ästhetik. Die Moderne beruft sich auf die
Antike, die Postmoderne auf die Moderne; dies bringt erhebliche
Bildungsanforderungen mit sich, um zu verstehen, wovon man sich
abgrenzt. Sie steht auf den Schultern des Vorangegangenen. Dafür
gibt es ein schönes Bild, das bereits im 12. Jahrhundert geprägt
wurde: Die Modernen sitzen wie Zwerge auf den Schultern der alten
Riesen, sehen aber - dank ihrer dadurch erreichten Größe
- viel weiter. |
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3 Das Interesse der "Moderne"
an der Ästhetik |
Schon wenn man versucht, die
Begriffe modern' oder Moderne' etwas zu erhellen, stößt
man auf Debatten: Querelle des anciens et des modernes, die schöne
Kunst gegenüber der alten Einteilung in freie und mechanische
Künste, Laokoon-Debatte, Ende der Kunst oder der Kunstperiode,
Naturalismus- und Realismusdebatten, Expressionismus- und Formalismusdebatten
u.a.m. Diese Debatten sind auch Reaktionen auf eine fortschreitende
Differenzierung der Künste und Kunststile in der Moderne:
es geht um Methoden, Streit der Richtungen, Deutungshoheiten, aber
auch um sich ankündigende Veränderungen oder gar Paradigmenwechsel.
Aber zugleich verweisen diese Auseinandersetzungen auf ein deutliches
Interesse an den Künsten und am ästhetischen Feld generell.
Warum - und warum hat die Moderne ein so ausgeprägtes Interesse
an der Ästhetik?
Der englische Philosoph Terry Eagleton fragt in seinem Buch Ästhetik.
Eine Geschichte ihrer Ideologie: Welche Interessen bedient Ästhetik
oder: Wie ist eigentlich zu erklären, dass sich vor allem
in Westeuropa eine so starke Ästhetik-Tradition entwickelt
hat und antwortet, "daß die Kategorie des Ästhetischen
in der europäischen Moderne deshalb so große Bedeutung
gewinnen konnte, weil sie zwar von der Kunst spricht, aber immer
auch andere Themen meint, die für den Kampf der Mittelklasse
um politische Hegemonie von größter Bedeutung sind.
Denn die begriffliche Konstruktion des ästhetischen Artefakts
ist in der Moderne nicht zu trennen von der Konstruktion der vorherrschend
ideologischen Formen der modernen Klassengesellschaft sowie von
einer ganz neuen Form menschlicher Subjektivität, die mit
dieser Gesellschaftsordnung einhergeht." Die Ästhetik
thematisiert also nach seiner Meinung den radikalen Selbstzweck
menschlicher Subjektivität. Dies lässt sich philosophiegeschichtlich
insofern belegen, als der Beginn der modernen Ästhetik eingeordnet
war in die kopernikanische Wende, also in den breiten Diskurs um
die Klassifizierung und Spezifizierung der menschlichen Vermögen,
der auch als Ausdruck der Bestimmung des Subjekts oder des bürgerlichen
Individuums über seine Fähigkeiten gelesen werden kann.
Kulturgeschichtlich wäre daran zu erinnern, dass in Deutschland
das Bildungsbürgertum - analog der englischen Mittelklasse
- Kulturträger ist. Dieses Bildungsbürgertum brachte
nicht nur die ästhetischen Theorien als einen wichtigen Aspekt
bürgerlicher Emanzipation hervor, sondern zielte auch in den
gedachten Wirkungen auf die Bürger - am deutlichsten bei den
Konzeptionen, die mit der Institutionalisierung eines bürgerlichen
Nationaltheaters verbunden waren, also bei Lessing und Schiller.
Ebenso hatte dieses Bildungsbürgertum die engste Beziehung
zu den Künsten. Die Kunstinstitutionen - neben dem Theater,
Museum und Konzerthalle - sind bürgerliche Errungenschaften.
Eine Herausforderung ist das Ästhetische deswegen, weil es
Ganzheit fordert und Subjektivität zugleich als Ganzheit begründet
und begriffen wird, die Modernisierung aber, zu der auch die Polarisierung
der Gesellschaft in Klassen gehört, differenziert und beschränkt
Individualitäten. Es geht also zunächst um das bürgerliche
Subjekt und zugleich um das Subjekt überhaupt, denn das Bürgertum
begreift sich in seiner Emanzipationsphase als Vertreter der Menschheit
schlechthin - auch das kann man in den einschlägigen Texten,
z.B. bei Kant und Schiller, nachlesen. Um die Funktion als "Insel"
entfalteter Subjektivität wahrnehmen zu können, muss
das Ästhetische als autonom, authentisch und alteritär
betrachtet werden, d.h. es entwickelt sich so etwas wie eine ästhetische
Ideologie der Moderne, die auf Autonomie, Authentizität und
Alterität der Kunst setzt; auf drei Aspekte, die zusammenhängen.
Autonomie der Kunst wird theoretisch deutlich von Kant bestimmt.
Praktisch war das möglich, weil die Kunst selbst diesen Autonomisierungsprozess
vollzog: Sie befreite sich aus feudalen und ständischen Zwängen,
schuf ihre eigenen Institutionen und wurde zu einem eigenständigen
Bereich, was sich im neuen Begriff "die Kunst" widerspiegelt,
der etwas Allgemeines gegenüber den artes liberales und mechanicae
darstellte und ästhetisch als "schöne" Kunst
definiert wurde. Die "schöne Kunst" ist die Institution,
welche die gedachte Entfaltung des Subjekts garantiert. Schiller
muss glauben können, dass die Kunst nicht von den "Übeln
der Kultur" befallen ist, um sie als "Werkzeug"
"schöne Kunst" zur Verbindung der getrennten Vermögen
einsetzen zu können. Das ästhetische Urteil muss von
Kant als vom Erkenntnisurteil unterschieden bestimmt werden, um
seine Eigenständigkeit betonen zu können. Autonomie bedeutet
zunächst Abgrenzung nach außen als Unabhängigkeit
der Kunst von anderen Bereichen. Aber sie wird auch von innen her
bestimmt: Kunst als Produkt des Genies, das exemplarische Muster
schafft, die sich durch Originalität auszeichnen - und hier
ist Authentizität angesiedelt. Das Genie ist ein Ausnahmesubjekt,
das nicht nur in der Lage ist, vermittels seines Talents originale,
authentische Kunst zu schaffen, es drückt nicht nur sich selbst
in der Kunst aus, sondern immer auch ein Allgemeines, etwas, was
auch für den Rest der Gesellschaft von Interesse ist, es wird
als in der Lage gesehen, den "Weltriß" - wie Heine
das nennt - auszudrücken. Die Kunst soll aber nicht nur diesen
Weltriss ausdrücken, sondern ihn auch mittels der Kunst überwinden.
Sie wird als das angesehen, was Einheit oder Totalität, die
in der Moderne durch zunehmende Differenzierung verloren gehen,
bewahren und vermitteln kann. Dieser Anspruch reicht von Schiller
und der Romantik über Nietzsche bis hin zu Adorno, der authentische
Kunst als das Medium ansieht, das allein noch dem Leiden zum Ausdruck
verhelfen kann.
Mit dieser Funktionszuweisung hängt nun die Alterität
der Kunst zusammen: Kunst wird ebenfalls seit Schiller und der
Romantik als das Andere zur Welt begriffen. Adorno spricht dann
von der Kunst als Antithese zur Gesellschaft. Und Simmel formuliert
1907: Kunst ist "das Andere des Lebens, die Erlösung
von ihm durch seinen Gegensatz, indem die reinen Formen der Dinge,
gleichgültig gegen ihr subjektives Genossen- oder Nichtgenossen-werden,
jede Berührung durch unsere Wirklichkeit ablehnen." Kunst
distanziert sich vom profanen, empirischen Subjekt und seinen materiellen
Interessen und vermittelt dadurch eine Nähe zum authentischen
Selbst: "Indem die Inhalte des Seins und der Phantasie in
diese Distanz rücken, kommen sie uns näher, als sie es
in der Form der Wirklichkeit konnten. Während alle Dinge der
realen Welt in unser Leben als Mittel und Material einbezogen werden
können, ist das Kunstwerk schlechthin für sich. Aber
all jene Wirklichkeiten behalten […] eine letzte, tiefe
Fremdheit gegen uns […]. Das Kunstwerk allein kann ganz
unser werden […] indem es mehr für sich ist, als alles
andere, ist es mehr für uns als alles andere."
Diese Einheit von Autonomie, Authentizität und Alterität
ist der ideologische Anspruch der Moderne an die Kunst bzw. an
den ästhetischen Bereich, damit dieser der Selbstverwirklichung
des Individuums dienen kann. Dieser Anspruch wird aber zugleich
durch die realen Modernisierungsprozesse immer wieder infrage gestellt.
Kunst kann zur Ware werden, sie kann durch die Kulturindustrie
vereinnahmt werden, sie kann politischen Interessen dienen usw.
Auch daher reibt sich der ästhetische Diskurs immer wieder
an der tatsächlichen Moderne und versucht mit immer neuen
Strategien darauf zu reagieren, um Autonomie, Authentizität
und Alterität zu gewährleisten bzw. um die Selbstverwirklichung
des Subjekts einzufordern. Der ästhetische Bereich wird zu
einer "Hausapotheke" der modernen Kultur - ein Vorgang,
den man an vier Thesen kurz erläutern kann, weil sich vier
Phasen beobachten lassen. |
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4 Die "ästhetische
Hausapotheke" der modernen Kultur und ihre Wandlungen |
1. Die "klassische"
Schulmedizin - also Aufklärung und Klassik - sieht ihr Einsatzgebiet
in der "Prosa" des modernen Lebens. Ihre Diagnose ist
Verlust an Totalität, festgestellt an Symptomen erster Schwindelanfälle
(Mendelssohn), an Grenzerfahrungen (das Erhabene bei Kant) und
kulturellen Vereinseitigungen (Schiller) einer allmächtig
und ganz geglaubten Subjektivität. Der Patient ist hoch gestellt:
das Menschengeschlecht - und es geht ums Ganze: die ästhetische
Behandlung der Übel der modernen Kultur. Die Medizin ist ein
Kontrastmittel: das ästhetische Ideal, die schöne Kunst,
das Erhabene, geeignet, um sich mittels Vernunft über sinnliche
Frustrierungen zu erheben (Kant) oder seine Würde in einer
sozial konfliktreichen Welt zu bewahren (Schiller). Auch die Alternativmedizin
der Frühromantik sieht Kunst als Fluchtpunkt, als das Andere
zur Welt, als Option für Ganzheit wie für Artikulation
von Zerrissenheit und Distanz:
Universalpoesie und romantische Ironie.
2. Mit zunehmender Professionalisierung und Differenzierung im
19. Jahrhundert - Professionalisierung ist eine generelle kulturgeschichtliche
Tendenz dieser Zeit - werden auch die ästhetischen Therapeuten
zu Spezialisten. Ihr Einsatzgebiet ist nun die Zivilisation, ihre
Patienten sind: Individuum, Klasse und Masse, denn das Menschengeschlecht
differenziert sich auch. Die ästhetische Medizin - Kunst,
Schönheit, Genuss, Reiz - wird einerseits hoch dosiert - ästhetische
Kontemplation, ästhetischer Rausch - und andererseits pur
- frei von Moral, Nützlichkeit und Wahrheit - verabreicht,
allerdings nur den hoch gestellten Patienten, die dazu auch einer
ästhetischen Inszenierung bedürfen, wie sie sich im Dandytum
zeigt. Zugleich entwickelt sich eine "Klassenmedizin":
der Realismus für die Masse, der Ästhetizismus für
die Elite, Ästhetisches pur oder Wirkliches pur, Artifizielles
contra Nützliches, Politisierung der Kunst gegen Dekadenz.
Neben dem Einsatz ästhetischer kommen zunehmend aisthetische
Mittel zum Einsatz: Unterbrechung, Schock, Provokation.
3. Das 20. Jahrhundert legt die ästhetische Therapie in die
Hände der Avantgarden. Diese greifen angesichts der Katastrophen
- Kriege, Revolutionen - zu Revitalisierungen, Radikalisierungen,
Parodien und Verweigerungen - oder medizinisch ausgedrückt:
zu Chirurgie und Totaloperation und zum Einsatz kombinierter Mittel
und bereiten insofern auch die Postmoderne vor. Diese Entwicklungen
bringen einerseits eine ungeheure Differenzierung ästhetischer
Strategien, die letztlich die Gefahr der Beliebigkeit befördern,
als auch eine Erschütterung der von der klassischen Ästhetik
gedachten Macht des Ästhetischen, über das Ästhetische
in Freiheit gelangen zu können. Die dadurch ausgelösten
Enttäuschungen werden auch theoriebildend. Sie fragen z.B.
in der durch Adorno ausgelösten Diskussion der 50er Jahre,
ob und wie Kunst nach Auschwitz noch möglich sei, oder in
der Diskussion um die Entkunstung der Kunst, ausgelöst durch
Entwicklungen, die im Grunde alles - Klosettbecken, Müllreste
oder Verpackungsdosen - zur Kunst machen, wie Kunst nun zu bestimmen
sei. Auf diesem Stand setzt Postmoderne ein.
4. Postmoderne spitzt zu: Sie parodiert das Vergangene durch Ironie,
durch Beliebigkeit, durch Sprachspiele, sie bedient sich des Reservoirs
der historischen Avantgarden im Zitat und radikalisiert deren Instrumentarien
bis zur Umkehrung und will am Anästhetischen die Welt genesen
lassen. Postmoderne scheint den Erreger gefunden zu haben: die
Maßlosigkeit des Menschen, sein Beherrschungsstreben, seine
Rationalität und setzt auch daher auf Aisthesis. Sie macht
mit den bewährten Gegengiften des Ästhetischen mobil.
Das Problem ist nur: Auch das Gegengift ist befallen: die Sinne
schwinden, die Kunst arbeitet ihr Fehlen heraus, die Grenzen zwischen
Kunst und Wirklichkeit sind fließend, so dass die Postmoderne
vor allem mit der Hoffnung operiert, aus einer Perspektive der
Grenze oder Grenzüberschreitung Gewinn zu ziehen. Auszugehen
ist davon, dass Postmoderne sich in einer Situation des Nach-Denkens
und der Anamnese befindet. Sie ist mit den Programmen der Moderne
und ihren Ergebnissen konfrontiert und denkt nach ihren Ergebnissen
und dekonstruiert diese, um nach diesen Unterbrechungen erneut
in die Moderne einzusteigen. |
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