.KULTUR- UND WIRTSCHAFTSGESCHICHTE/ORIENTALISTIK

Brockhaus Tagebücher | Heinrich Brockhaus | Die Reiseroute | Leseproben | Bestellservice


.
.

www.filos-verlag.de

| Brockhaus-Tagebücher: Leseproben

1

2

3

4

5

6



Heinrich Brockhaus Tagebücher. Reisen in den Orient 1857 bis 1858
Hg. von Hartmut Bobzin

Kairo, 17. November 1857
Seit vierzehn Tagen bin ich im Aegypterland, und sollte nun eigentlich schon ziemlich klar über alles sein, was seit meiner Ankunft an mir vorübergegangen ist, tiefer auf mich eingewirkt hat. Aber der Geist des Orients ist nicht so leicht erfaßt. Wie viel man auch darüber selbst geträumt und phantasirt, wie viel man darüber gehört und gelesen hat, in der Wirklichkeit ist denn doch eben alles anders, als man erwartete, und erst sehr allmählich findet man sich zurecht in der neuen Welt, die einen umgibt.

Um etwas über die ägyptischen Zustände im allgemeinen zu sagen, so kommt es mir vor, als wenn es in den höchsten Kreisen, in der eigentlichen Regierung, am allerschlechtesten aussähe, und man hier sich noch weit weniger als auch oft bei uns in Europa seiner eigentlichen Verpflichtungen gegen das Volk bewußt wäre. Land und Volk werden in unwürdiger Weise von oben herab ausgebeutet, die Regierenden betrachten beides als ihre Domänen; man glaubt nur Rechte zu haben, kennt keine Pflichten. Ein großer Mangel liegt darin, daß in den höchsten Kreisen nichts stabil ist, woran die eigentliche Thronfolge wol die Hauptschuld trägt. Nicht der älteste Sohn des Vicekönigs wird wieder Vicekönig, was, wenn denn einmal die monarchische Form gelten soll, gewiß das allein Richtige wäre, sondern der jedesmal Aelteste aus der Familie Mehemed-Ali's , was dann zur Folge hat, daß jeder Zweig dieser Familie für die Zeit der Herrschaft möglichst viel aus dem Lande zu ziehen sucht. Es behält der Sohn hier nicht das bei, was er vorgefunden, was der Vater geschaffen, nur das aufgebend, was nicht haltbar war wie so vieles von dem, was Mehemed-Ali ins Leben gerufen, der aber einem trotzdem als ein wahrhaft großer Mann erscheint , und verbessernd, was einer Verbesserung bedürfte: mit jedem Regierungswechsel wird gewissermaßen ein ganz neues System angenommen, und Männer von Geist und edelm Streben sind wohl im Orient noch seltener als bei uns.

zurück zur Übersicht