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Kairo, 17. November 1857
Seit vierzehn Tagen bin ich im Aegypterland, und sollte nun eigentlich
schon ziemlich klar über alles sein, was seit meiner Ankunft
an mir vorübergegangen ist, tiefer auf mich eingewirkt hat.
Aber der Geist des Orients ist nicht so leicht erfaßt. Wie
viel man auch darüber selbst geträumt und phantasirt,
wie viel man darüber gehört und gelesen hat, in der Wirklichkeit
ist denn doch eben alles anders, als man erwartete, und erst sehr
allmählich findet man sich zurecht in der neuen Welt, die
einen umgibt.
Um etwas über die ägyptischen
Zustände im allgemeinen zu sagen, so kommt es mir vor, als
wenn es in den höchsten Kreisen, in der eigentlichen Regierung,
am allerschlechtesten aussähe, und man hier sich noch weit
weniger als auch oft bei uns in Europa seiner eigentlichen Verpflichtungen
gegen das Volk bewußt wäre. Land und Volk werden in
unwürdiger Weise von oben herab ausgebeutet, die Regierenden
betrachten beides als ihre Domänen; man glaubt nur Rechte
zu haben, kennt keine Pflichten. Ein großer Mangel liegt
darin, daß in den höchsten Kreisen nichts stabil ist,
woran die eigentliche Thronfolge wol die Hauptschuld trägt.
Nicht der älteste Sohn des Vicekönigs wird wieder Vicekönig,
was, wenn denn einmal die monarchische Form gelten soll, gewiß
das allein Richtige wäre, sondern der jedesmal Aelteste aus
der Familie Mehemed-Ali's , was dann zur Folge hat, daß jeder
Zweig dieser Familie für die Zeit der Herrschaft möglichst
viel aus dem Lande zu ziehen sucht. Es behält der Sohn hier
nicht das bei, was er vorgefunden, was der Vater geschaffen, nur
das aufgebend, was nicht haltbar war wie so vieles von
dem, was Mehemed-Ali ins Leben gerufen, der aber einem trotzdem
als ein wahrhaft großer Mann erscheint , und verbessernd,
was einer Verbesserung bedürfte: mit jedem Regierungswechsel
wird gewissermaßen ein ganz neues System angenommen, und
Männer von Geist und edelm Streben sind wohl im Orient noch
seltener als bei uns.
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