|

6./7. Dezember 2003
"Edition macht Zeit und
Leben des Lexikonverlegers lebendig"
|
Wer etwas
über Brockhaus wissen will und im Brockhaus nachschlägt,
findet im gerade vorliegenden fünfbändigen nichts über
Heinrich Brockhaus. Wer mehr über den Sohn des Verlagsgründers
Friedrich Arnold Brockhaus erfahren möchte, darf sich getrost
der Erlanger Buchwissenschaft anvertrauen. Sie hat sich des Lebens
und Denkens des am 4. Februar 1804 in Amsterdam geborenen und späteren
Alleininhabers des Verlages angenommen und seine Tagebücher
bearbeitet. Der erste Band, der seine Reisen nach Italien, Spanien
und Portugal umfasst, ist jetzt erschienen.
"Heinrich
Brockhaus verkörperte als Unternehmer und Privatmann wie kaum
ein anderer seines Jahrhunderts eine Grundhaltung, die liberale
Wirtschaftsgesinnung mit bildungsbürgerlichem Anspruch verband",
charakterisiert Volker Titel Heinrich Brockhaus, auf dessen etwa
2500 erhaltenen Tagebuchseiten der Erlanger Wissenschaftler vor
sieben, acht Jahren bei einer Arbeit über die Buchhandelsgeschichte
des 19. Jahrhunderts stieß. Die Idee zu einer Edition war
geboren, musste jedoch noch bis Frühjahr 2002 warten. Nach
mehr als einjähriger Recherche ist jetzt das erste Kapitel
abgeschlossen.
Heinrich
Brockhaus führte Tagebücher von 1821 bis 1874, seinem
Todesjahr. Wie mit diesem Konvolut umgehen, es ordnen und übersichtlich
machen, dass es lesenswert wird. Volker Titel und seine Projektgruppe
entschlossen sich zu einer dreibändigen Aufbereitung, bei
der am Anfang und Ende die Reiseberichte stehen sollen. Etwa ein
Zehntel seiner 70 Lebensjahre war Heinrich Brockhaus unterwegs.
Seine
erste große Fahrt in den Süden unternahm er als 30-Jähriger.
Im Gepäck hatte er damals Goethes Italienische Reise, und
wer möchte, kann heute sich mit Brockhaus' Beschreibung auf
den Weg durch Europa machen, denn der Leipziger Verleger bereiste
nicht nur wie in Band I Italien, Spanien und Portugal, sondern
auch wie in Band III zu lesen sein wird, Skandinavien, Frankreich,
England, Island, Griechenland und den Orient.
Der vorliegende
Band verspricht spannende persönliche Schilderungen und zugleich
einzigartige Zeugnisse über Begegnungen und Persönlichkeiten,
Landschaften und Kulturen in Süduropa: Brockhaus spricht mit
Thorwaldsen in Rom, trifft in Pisa Garibaldi, wird von der spanischen
Königin Maria Christina empfangen, fachsimpelt über mediterrane
Kunst und Lebensart, mischt sich unter das Volk des Römischen
Karnevals, schwärmt von Florenz, Venedig und den Reizen Siziliens.
Für
Volker Titel ist es der unmittelbare Kontakt von Brockhaus zu den
Menschen seiner Zeit, was die Tagebücher so spannend macht.
"Er schreibt unverblümt und direkt", und deshalb
hat ihm die Arbeit auch viel Spaß gemacht. Sehr direkt sind
die Worte, die er zum Beispiel für die Königin von Spanien
findet: eine kleine, dicke, sehr aufgeputzte Dame.
Zum Namen
Brockhaus passt, dass auch die Erlanger Brockhaus-Tagebuch-Edition
mehrbändig angelegt ist: Im Frühjahr wird ein weiterer
Band fertig und mit etwa 600 Seiten der umfangreichste sein. Er
wird die Aufzeichnungen von Heinrich Brockhaus aus den Jahren 1821
bis 1874 über Deutschland und die Deutschen zugänglich
machen: "Geschäftliche, politische und private Reflexionen
eines Unternehmers in Sachsen", wie es im Untertitel heißt.
Für Volker Titel ist es das "Kernstück der Edition".
Der Erlanger
Buchwissenschaftler freut sich, dass er sein Brockhaus-Projekt
in Partnerschaft mit Erlanger Firmen realisieren konnte. So weist
auf dem Buchumschlag der Reisetagebücher "filos"
auf einen neuen Erlanger Verlag, der in Tennenlohe am Wetterkreuz
17 seinen Sitz hat und sich kulturwissenschaftlichen Publikationen
widmen will (Internet: www.filos-verlag.de). Brockhaus' Reiseberichte
sind das erste Verlagsobjekt. Auch Druck und Bindung besorgten
ein Erlanger Unternehmen: Print Com, ebenfalls mit Firmenadresse
Wetterkreuz 17. Volker Titel: "Ein rundum Erlanger Projekt".
k.s. |
|
|

"Tagebücher
als
Nachschlagewerk"
|
Björn
Biester
Zur Neuedition
der Tagebücher des Leipziger Verlegers Heinrich Brockhaus
Wer war Heinrich Brockhaus? Den Deutschland-Tagebüchern steht
eine biographische Skizze aus der Feder des Buchwissenschaftlers
und Historikers Volker Titel voran (D 956), der für
die Erlanger Arbeitsgruppe als Herausgeber der Neuedition fungiert.
Titel, in den letzten Jahren mit zahlreichen einschlägigen
Publikationen hervorgetreten (u.a. über buchhändlerische
Vereinigungen des 19. Jahrhunderts und die Geschichte des Buchhandelsplatzes
Leipzig 2), weist auf den Expansionskurs des Unternehmens hin,
das nach seiner Gründung durch Friedrich Arnold Brockhaus
zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Amsterdam rasche Erfolge feiern
konnte. 1817 erfolgte die Übersiedlung in die sächsische
Metropole, zuvor hatte es aus finanziellen Erwägungen eine
Zwischenstation im nahen Altenburg gegeben (seit 1811).
Zum Träger des wirtschaftlichen Aufstiegs von F. A. Brockhaus
entwickelte sich das als Prototyp des bürgerlichen Nachschlagewerks
geltende Conversations-Lexikon, dessen Verlagsrechte 1808 während
eines Besuchs der Leipziger Messe erworben wurden. Von der 5. Auflage
des Lexikons (1820 abgeschlossen) konnten 10.000 Exemplare abgesetzt
werden. Es folgten in kurzen Abständen mehrere Neudrucke dieser
Auflage, die ebenfalls gute Aufnahme beim Publikum fanden.
Autoren wie Ernst Moritz Arndt, Karl August Varnhagen von Ense,
E. T. A. Hoffmann, Arthur und Johanna Schopenhauer, Friedrich Rückert
sowie Therese Huber ließen in diesen Jahrzehnten Bücher
bei F. A. Brockhaus erscheinen und trugen damit zum wachsenden
Ruf des Verlags bei, ebenso wie Johann Peter Eckermanns Gespräche
mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (1836), um die es
allerdings zum erbitterten Rechtsstreit zwischen Autor und Verleger
kam Eckermann warf Brockhaus vor, die vereinbarte Auflagenhöhe
zu überschreiten, konnte dies jedoch vor Gericht nicht beweisen.
Auch die Druckerei, in der ab 1834 innovative Dampfmaschinentechnik
eingesetzt wurde (D 42 f.; vgl. D 135, 137140 und öfter),
prosperierte und trug zum Umsatz bei.
Die komplexe
Textgattung Tagebuch läßt sich schwer inhaltlich zusammenfassen.
Das gilt zumal bei einer Persönlichkeit wie Heinrich Brockhaus,
der ein weit über Deutschland hinausreichendes Netzwerk von
privaten und geschäftlichen Beziehungen pflegte. Dennoch lassen
sich die meisten der Einträge der Deutschland-Band
beginnt unter dem Datum 1. März 1827, Notizen ab 1821 werden
von Volker Titel in seiner biographischen Skizze berücksichtigt
ungezwungen in mehrere thematische Hauptgruppen verteilen,
um Inhalt und Charakter der Tagebücher anschaulich werden
zu lassen.
Persönliches
und Politisches
Es gibt
eine Vielzahl von Einträgen, in denen Heinrich Brockhaus sich
selbst von seinen politischen und religiösen Vorstellungen
Rechenschaft ablegt oder über Familiendinge spricht. Politisch
war er durchaus ein fortschrittlicher Mann, dem bürgerlich-nationalen
Liberalismus zugeneigt und sich als »entschiedener Republikaner«
bezeichnend (ISP 282). Diese Grundhaltung bestimmte auch sein pragmatisches
Verhältnis zu Buchhandelskollegen jüdischer Herkunft,
denen er offenbar mehr Rechte einzuräumen bereit war als andere
Branchenvertreter:
17. Mai 1829; über die Hauptversammlung des Börsenvereins
der Deutschen Buchhändler in Leipzig] [...] "Endlich
wurde über die Juden, die jetzt von der Buchhändler-Börse
ausgeschlossen sind, hin und her gesprochen und viel gelärmt.
[...] Auf jeden Fall hat man viel zu beschränkte Ansichten
und verkennt ganz, was die Börse eigentlich sein soll und
nur sein kann: eine Erleichterung des gegenseitigen Ordnens der
Rechnungen, und wenn man dies verkennt, ihr irgendeine andere Bestimmung
geben will, namentlich aber Beschränkungen wegen der Religion
macht, so schadet man sich selbst wie der Allgemeinheit. Es ist
wahrhaft lächerlich, jemand den Besuch der Messe zu verbieten,
wenn man sich doch nicht scheut, mit ihm in Rechnung zu stehen!"
(D 80 f.)
Bemerkenswert
ist weiter ein Eintrag zu seiner eigenen religiösen Haltung.
Der Protestant Brockhaus erweist sich als geistiges Kind der Zeit,
in der entsprechende Ansichten verbreitet waren:
[21. Juli 1828] "Abends entstand ein religiöses Gespräch
und ich nannte im Eifer die Märtyrer für das Christenthum
unter den meisten Verhältnissen rechte Narren, was den jungen
Rudolf Hasse sehr in Harnisch versetzte. Ich wurde von ihm und
seiner Mutter als eine Art Gottesleugner angesehen, was ich nie
sein kann, solange mein Herz so warm schlägt wie jetzt, solange
ich durch die Natur auf ein höheres Wesen hingewiesen werde,
und solange ich meiner Sinne mächtig bin. Aber so hoch Christus
mir als Mensch steht, so kann ich ihn doch eben auch nur als einen
Menschen ansehen, und das Christenthum gilt mir nur etwas als die
beste Form zur Erreichung des Höchsten. Ich vermeide religiöse
Gespräche und lasse gern jedem einen recht innigen Glauben;
nur muß niemand verlangen, daß ich meine innerste Ueberzeugung
hintansetzen soll." (D 75 f.)
In solchen Aussagen tritt dem Leser der aufgeklärte, skeptische
Bürger des 19. Jahrhunderts entgegen, der sich durch die offizielle
Theologie und kirchliche Verkündigung nicht mehr angesprochen
fühlt, aber dennoch grundsätzliche religiöse Fragen
reflektiert.
Heinrich Brockhaus,
der väterliche Firmenchef
Die Notizen
zu geschäftlichen Vorgängen nehmen natürlich eine
mindestens ebenso große Rolle ein, wie diese privateren Dinge.
Es finden sich Hinweise auf Erfolge (oder Mißerfolge), wiederholt
werden die Übernahmen anderer Firmen im Zuge der Expansion
des erfolgreichen Unternehmens erwähnt. Nicht immer konnten
freilich Planungen realisiert werden, so 1825 bei den Verhandlungen
um die Rechte an einer Goethe-Werkausgabe. Zwar empfing Goethe
die Brüder Friedrich und Heinrich Brockhaus wohlwollend in
seinem Haus in Weimar. Der Stuttgarter Verleger Cotta ging aus
dem Bieten um das prestigeträchtige Publikationsunternehmen
schließlich als Sieger hervor.
Heinrich
Brockhaus Lektüren
Aus der
überreichen Fülle der Tagebücher soll abschließend
nur auf Brockhaus Lektüreeindrücke eingegangen
werden. Es versteht sich fast von selbst, daß ein Verleger
den Überblick über den Markt der literarischen Neuerscheinungen
behalten muß, um seine eigenen Programmentscheidungen treffen
zu können. Bei Brockhaus, der über Jahrzehnte auch als
engagierter Kunstsammler und Förderer der Leipziger Kunst-
und Musikszene hervortrat, kam ein tieferes persönliches Interesse
am zeitgenössischen geistigen und gesellschaftlichen Leben
hinzu. Zwei Beispiele, mehr oder minder zufällig herausgegriffen:
Im Frühjahr 1835 notierte Brockhaus knapp seine Zustimmung
zu Friedrich Schleiermachers Vertrauten Briefen über Friedrich
Schlegels Lucinde: "Es ist viel Schönes darin und man
kann z.B. über falsche Schamhaftigkeit nicht treffender sprechen."
(D 145; es handelt sich um die von Karl Gutzkow postum herausgegebene
Neuausgabe).
Die Tagebücher
als Nachschlagewerk
Zu den
hervorhebenswerten Aspekten der vorliegenden Edition gehört
der ausführliche Stellenkommentar zumeist handelt es
sich um Nachweise zu Personen und der von Brockhaus erwähnten
Literatur, herangezogen wurde hierzu vielfach die klassische 14.
Auflage der Brockhaus Enzyklopädie und die Erschließung
durch Personenregister (der Reiseband enthält zusätzlich
ein Ortsverzeichnis). Hierdurch sind die Tagebücher als Nachschlagewerk
benutzbar.
Gewünscht
hätte man sich lediglich in der Editorischen Notiz des Herausgebers
etwas detailliertere Angaben zum Schicksal der wahrscheinlich verlorenen
Originaltagebücher. Verbrannten sie im Dezember 1943 während
der schweren alliierten Luftangriffe auf Leipzig (vgl. ISP 13 und
D 7)? Oder wurden sie viel früher, eventuell bereits in den
1880er Jahren, von den Söhnen Heinrich Brockhaus nach
Fertigstellung ihres oben erwähnten fünfbändigen
Privatdrucks zerstört, »um einen späteren Missbrauch
zu verhindern« (ISP 13)? Welche Hinweise liegen vor für
die eine oder die andere Version der Ereignisse? Welche Archivnachforschungen
wurden in dieser Angelegenheit unternommen? Diese Fragen sind zumindest
für Spezialisten angesichts der großen Bedeutung dieser
Dokumente interessant.
Jedoch fallen diese Anmerkungen angesichts der Vorzüge der
Edition kaum ins Gewicht. Für die Leipziger Buchhandels- und
Verlagsgeschichte, aber auch für die sozial- und kulturhistorisch
orientierte Literaturwissenschaft sowie die Bürgertumsforschung
liegt mit Heinrich Brockhaus Tagebüchern eine wichtige
Quelle in neuer Gestalt vor.
Die vollständige
Rezension befindet sich unter: <http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Biester398089830X_1048.html> |
|