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| Brockhaus-Tagebücher: Rezensionen

Heinrich Brockhaus
Tagebücher
Italien, Spanien und Portugal
1834 bis 1872
Paperback, 300 Seiten, 17 Abbildungen, 19,80 EUR
ISBN
978-3-938498-10-1


"[...] nun sind seine Tagebücher in einer sorgfältig kommentierten Auswahledition erschienen."
Volker Ullrich


6./7. Dezember 2003

"Edition macht Zeit und Leben des Lexikonverlegers lebendig"

Wer etwas über Brockhaus wissen will und im Brockhaus nachschlägt, findet im gerade vorliegenden fünfbändigen nichts über Heinrich Brockhaus. Wer mehr über den Sohn des Verlagsgründers Friedrich Arnold Brockhaus erfahren möchte, darf sich getrost der Erlanger Buchwissenschaft anvertrauen. Sie hat sich des Lebens und Denkens des am 4. Februar 1804 in Amsterdam geborenen und späteren Alleininhabers des Verlages angenommen und seine Tagebücher bearbeitet. Der erste Band, der seine Reisen nach Italien, Spanien und Portugal umfasst, ist jetzt erschienen.

"Heinrich Brockhaus verkörperte als Unternehmer und Privatmann wie kaum ein anderer seines Jahrhunderts eine Grundhaltung, die liberale Wirtschaftsgesinnung mit bildungsbürgerlichem Anspruch verband", charakterisiert Volker Titel Heinrich Brockhaus, auf dessen etwa 2500 erhaltenen Tagebuchseiten der Erlanger Wissenschaftler vor sieben, acht Jahren bei einer Arbeit über die Buchhandelsgeschichte des 19. Jahrhunderts stieß. Die Idee zu einer Edition war geboren, musste jedoch noch bis Frühjahr 2002 warten. Nach mehr als einjähriger Recherche ist jetzt das erste Kapitel abgeschlossen.

Heinrich Brockhaus führte Tagebücher von 1821 bis 1874, seinem Todesjahr. Wie mit diesem Konvolut umgehen, es ordnen und übersichtlich machen, dass es lesenswert wird. Volker Titel und seine Projektgruppe entschlossen sich zu einer dreibändigen Aufbereitung, bei der am Anfang und Ende die Reiseberichte stehen sollen. Etwa ein Zehntel seiner 70 Lebensjahre war Heinrich Brockhaus unterwegs.

Seine erste große Fahrt in den Süden unternahm er als 30-Jähriger. Im Gepäck hatte er damals Goethes Italienische Reise, und wer möchte, kann heute sich mit Brockhaus' Beschreibung auf den Weg durch Europa machen, denn der Leipziger Verleger bereiste nicht nur wie in Band I Italien, Spanien und Portugal, sondern auch wie in Band III zu lesen sein wird, Skandinavien, Frankreich, England, Island, Griechenland und den Orient.

Der vorliegende Band verspricht spannende persönliche Schilderungen und zugleich einzigartige Zeugnisse über Begegnungen und Persönlichkeiten, Landschaften und Kulturen in Süduropa: Brockhaus spricht mit Thorwaldsen in Rom, trifft in Pisa Garibaldi, wird von der spanischen Königin Maria Christina empfangen, fachsimpelt über mediterrane Kunst und Lebensart, mischt sich unter das Volk des Römischen Karnevals, schwärmt von Florenz, Venedig und den Reizen Siziliens.

Für Volker Titel ist es der unmittelbare Kontakt von Brockhaus zu den Menschen seiner Zeit, was die Tagebücher so spannend macht. "Er schreibt unverblümt und direkt", und deshalb hat ihm die Arbeit auch viel Spaß gemacht. Sehr direkt sind die Worte, die er zum Beispiel für die Königin von Spanien findet: eine kleine, dicke, sehr aufgeputzte Dame.

Zum Namen Brockhaus passt, dass auch die Erlanger Brockhaus-Tagebuch-Edition mehrbändig angelegt ist: Im Frühjahr wird ein weiterer Band fertig und mit etwa 600 Seiten der umfangreichste sein. Er wird die Aufzeichnungen von Heinrich Brockhaus aus den Jahren 1821 bis 1874 über Deutschland und die Deutschen zugänglich machen: "Geschäftliche, politische und private Reflexionen eines Unternehmers in Sachsen", wie es im Untertitel heißt. Für Volker Titel ist es das "Kernstück der Edition".

Der Erlanger Buchwissenschaftler freut sich, dass er sein Brockhaus-Projekt in Partnerschaft mit Erlanger Firmen realisieren konnte. So weist auf dem Buchumschlag der Reisetagebücher "filos" auf einen neuen Erlanger Verlag, der in Tennenlohe am Wetterkreuz 17 seinen Sitz hat und sich kulturwissenschaftlichen Publikationen widmen will (Internet: www.filos-verlag.de). Brockhaus' Reiseberichte sind das erste Verlagsobjekt. Auch Druck und Bindung besorgten ein Erlanger Unternehmen: Print Com, ebenfalls mit Firmenadresse Wetterkreuz 17. Volker Titel: "Ein rundum Erlanger Projekt". k.s.

"Tagebücher als
Nachschlagewerk"

Björn Biester
Zur Neuedition der Tagebücher des Leipziger Verlegers Heinrich Brockhaus

Wer war Heinrich Brockhaus? Den Deutschland-Tagebüchern steht eine biographische Skizze aus der Feder des Buchwissenschaftlers und Historikers Volker Titel voran (D 9–56), der für die Erlanger Arbeitsgruppe als Herausgeber der Neuedition fungiert. Titel, in den letzten Jahren mit zahlreichen einschlägigen Publikationen hervorgetreten (u.a. über buchhändlerische Vereinigungen des 19. Jahrhunderts und die Geschichte des Buchhandelsplatzes Leipzig 2), weist auf den Expansionskurs des Unternehmens hin, das nach seiner Gründung durch Friedrich Arnold Brockhaus zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Amsterdam rasche Erfolge feiern konnte. 1817 erfolgte die Übersiedlung in die sächsische Metropole, zuvor hatte es aus finanziellen Erwägungen eine Zwischenstation im nahen Altenburg gegeben (seit 1811).

Zum Träger des wirtschaftlichen Aufstiegs von F. A. Brockhaus entwickelte sich das als Prototyp des bürgerlichen Nachschlagewerks geltende Conversations-Lexikon, dessen Verlagsrechte 1808 während eines Besuchs der Leipziger Messe erworben wurden. Von der 5. Auflage des Lexikons (1820 abgeschlossen) konnten 10.000 Exemplare abgesetzt werden. Es folgten in kurzen Abständen mehrere Neudrucke dieser Auflage, die ebenfalls gute Aufnahme beim Publikum fanden.

Autoren wie Ernst Moritz Arndt, Karl August Varnhagen von Ense, E. T. A. Hoffmann, Arthur und Johanna Schopenhauer, Friedrich Rückert sowie Therese Huber ließen in diesen Jahrzehnten Bücher bei F. A. Brockhaus erscheinen und trugen damit zum wachsenden Ruf des Verlags bei, ebenso wie Johann Peter Eckermanns Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (1836), um die es allerdings zum erbitterten Rechtsstreit zwischen Autor und Verleger kam – Eckermann warf Brockhaus vor, die vereinbarte Auflagenhöhe zu überschreiten, konnte dies jedoch vor Gericht nicht beweisen. Auch die Druckerei, in der ab 1834 innovative Dampfmaschinentechnik eingesetzt wurde (D 42 f.; vgl. D 135, 137–140 und öfter), prosperierte und trug zum Umsatz bei.

Die komplexe Textgattung Tagebuch läßt sich schwer inhaltlich zusammenfassen. Das gilt zumal bei einer Persönlichkeit wie Heinrich Brockhaus, der ein weit über Deutschland hinausreichendes Netzwerk von privaten und geschäftlichen Beziehungen pflegte. Dennoch lassen sich die meisten der Einträge – der Deutschland-Band beginnt unter dem Datum 1. März 1827, Notizen ab 1821 werden von Volker Titel in seiner biographischen Skizze berücksichtigt – ungezwungen in mehrere thematische Hauptgruppen verteilen, um Inhalt und Charakter der Tagebücher anschaulich werden zu lassen.

Persönliches und Politisches

Es gibt eine Vielzahl von Einträgen, in denen Heinrich Brockhaus sich selbst von seinen politischen und religiösen Vorstellungen Rechenschaft ablegt oder über Familiendinge spricht. Politisch war er durchaus ein fortschrittlicher Mann, dem bürgerlich-nationalen Liberalismus zugeneigt und sich als »entschiedener Republikaner« bezeichnend (ISP 282). Diese Grundhaltung bestimmte auch sein pragmatisches Verhältnis zu Buchhandelskollegen jüdischer Herkunft, denen er offenbar mehr Rechte einzuräumen bereit war als andere Branchenvertreter:
17. Mai 1829; über die Hauptversammlung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler in Leipzig] [...] "Endlich wurde über die Juden, die jetzt von der Buchhändler-Börse ausgeschlossen sind, hin und her gesprochen und viel gelärmt. [...] Auf jeden Fall hat man viel zu beschränkte Ansichten und verkennt ganz, was die Börse eigentlich sein soll und nur sein kann: eine Erleichterung des gegenseitigen Ordnens der Rechnungen, und wenn man dies verkennt, ihr irgendeine andere Bestimmung geben will, namentlich aber Beschränkungen wegen der Religion macht, so schadet man sich selbst wie der Allgemeinheit. Es ist wahrhaft lächerlich, jemand den Besuch der Messe zu verbieten, wenn man sich doch nicht scheut, mit ihm in Rechnung zu stehen!" (D 80 f.)

Bemerkenswert ist weiter ein Eintrag zu seiner eigenen religiösen Haltung. Der Protestant Brockhaus erweist sich als geistiges Kind der Zeit, in der entsprechende Ansichten verbreitet waren:
[21. Juli 1828] "Abends entstand ein religiöses Gespräch und ich nannte im Eifer die Märtyrer für das Christenthum unter den meisten Verhältnissen rechte Narren, was den jungen Rudolf Hasse sehr in Harnisch versetzte. Ich wurde von ihm und seiner Mutter als eine Art Gottesleugner angesehen, was ich nie sein kann, solange mein Herz so warm schlägt wie jetzt, solange ich durch die Natur auf ein höheres Wesen hingewiesen werde, und solange ich meiner Sinne mächtig bin. Aber so hoch Christus mir als Mensch steht, so kann ich ihn doch eben auch nur als einen Menschen ansehen, und das Christenthum gilt mir nur etwas als die beste Form zur Erreichung des Höchsten. Ich vermeide religiöse Gespräche und lasse gern jedem einen recht innigen Glauben; nur muß niemand verlangen, daß ich meine innerste Ueberzeugung hintansetzen soll." (D 75 f.)
In solchen Aussagen tritt dem Leser der aufgeklärte, skeptische Bürger des 19. Jahrhunderts entgegen, der sich durch die offizielle Theologie und kirchliche Verkündigung nicht mehr angesprochen fühlt, aber dennoch grundsätzliche religiöse Fragen reflektiert.

Heinrich Brockhaus, der väterliche Firmenchef

Die Notizen zu geschäftlichen Vorgängen nehmen natürlich eine mindestens ebenso große Rolle ein, wie diese privateren Dinge. Es finden sich Hinweise auf Erfolge (oder Mißerfolge), wiederholt werden die Übernahmen anderer Firmen im Zuge der Expansion des erfolgreichen Unternehmens erwähnt. Nicht immer konnten freilich Planungen realisiert werden, so 1825 bei den Verhandlungen um die Rechte an einer Goethe-Werkausgabe. Zwar empfing Goethe die Brüder Friedrich und Heinrich Brockhaus wohlwollend in seinem Haus in Weimar. Der Stuttgarter Verleger Cotta ging aus dem Bieten um das prestigeträchtige Publikationsunternehmen schließlich als Sieger hervor.

Heinrich Brockhaus’ Lektüren

Aus der überreichen Fülle der Tagebücher soll abschließend nur auf Brockhaus’ Lektüreeindrücke eingegangen werden. Es versteht sich fast von selbst, daß ein Verleger den Überblick über den Markt der literarischen Neuerscheinungen behalten muß, um seine eigenen Programmentscheidungen treffen zu können. Bei Brockhaus, der über Jahrzehnte auch als engagierter Kunstsammler und Förderer der Leipziger Kunst- und Musikszene hervortrat, kam ein tieferes persönliches Interesse am zeitgenössischen geistigen und gesellschaftlichen Leben hinzu. Zwei Beispiele, mehr oder minder zufällig herausgegriffen: Im Frühjahr 1835 notierte Brockhaus knapp seine Zustimmung zu Friedrich Schleiermachers Vertrauten Briefen über Friedrich Schlegels Lucinde: "Es ist viel Schönes darin und man kann z.B. über falsche Schamhaftigkeit nicht treffender sprechen." (D 145; es handelt sich um die von Karl Gutzkow postum herausgegebene Neuausgabe).

Die Tagebücher als Nachschlagewerk

Zu den hervorhebenswerten Aspekten der vorliegenden Edition gehört der ausführliche Stellenkommentar – zumeist handelt es sich um Nachweise zu Personen und der von Brockhaus erwähnten Literatur, herangezogen wurde hierzu vielfach die klassische 14. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie – und die Erschließung durch Personenregister (der Reiseband enthält zusätzlich ein Ortsverzeichnis). Hierdurch sind die Tagebücher als Nachschlagewerk benutzbar.

Gewünscht hätte man sich lediglich in der Editorischen Notiz des Herausgebers etwas detailliertere Angaben zum Schicksal der wahrscheinlich verlorenen Originaltagebücher. Verbrannten sie im Dezember 1943 während der schweren alliierten Luftangriffe auf Leipzig (vgl. ISP 13 und D 7)? Oder wurden sie viel früher, eventuell bereits in den 1880er Jahren, von den Söhnen Heinrich Brockhaus’ nach Fertigstellung ihres oben erwähnten fünfbändigen Privatdrucks zerstört, »um einen späteren Missbrauch zu verhindern« (ISP 13)? Welche Hinweise liegen vor für die eine oder die andere Version der Ereignisse? Welche Archivnachforschungen wurden in dieser Angelegenheit unternommen? Diese Fragen sind zumindest für Spezialisten angesichts der großen Bedeutung dieser Dokumente interessant.

Jedoch fallen diese Anmerkungen angesichts der Vorzüge der Edition kaum ins Gewicht. Für die Leipziger Buchhandels- und Verlagsgeschichte, aber auch für die sozial- und kulturhistorisch orientierte Literaturwissenschaft sowie die Bürgertumsforschung liegt mit Heinrich Brockhaus’ Tagebüchern eine wichtige Quelle in neuer Gestalt vor.

Die vollständige Rezension befindet sich unter: <http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Biester398089830X_1048.html>

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